Dienstag, 4. Februar 2014

Alices Sterntaler im Heidiland

Wer morgens trödelt, muß sein Frühstück hastig einnehmen. Wer zudem noch unbedacht den Volksempfänger in der Küche einschaltet, wird darüber hinaus mit Nachrichten und Tageskommentaren nicht unter fünf Minuten bestraft.
Heute widmete sich der Tageskommentar des Westdeutschen Bildungsrundfunks sich der Geschichte von "Alices Sterntaler im Heidiland". Klimax des von moralischer Entrüstung und persönlicher Enttäuschung durchdrungenen Gejammeres: Die letzte moralische Instanz ist gefallen!
Danach folgte dann noch eine Aufzählung derer, denen man seit kurzem (ADAC) oder längerem (Franz Beckenbauer) oder noch nie trauen (Politiker) durfte. Als Beispiel mußte natürlich auch wieder die Una Sancta herhalten (LIMBURG!). Was waren wir doch alle gute Katholiken in Deutschland, bis ... Ja, ne, is klar!
Ein Volk ohne moralsche Instanz, zu der es aufsehen kann, orientierunglos in der schweren See des postpostmodernen Spätkapitalismus oder so ähnlich! Deutschland muß nun auf A. Schwarzers Wegweisungen verzichten.
Strafverschärfend gerieten in diesem Moment nun Schluckreflex, "Schnappatmung" und zwerchfellgesteuerter Lachanfall zeitlich in Kollision.
Das Lachen war mir im Halse stecken geblieben mit entsprechend verheerenden Folgen für Hemd, Tischdecke und Atemwege. Es trieb mir die Tränen in die Augen. Einerseits eine natürliche Folge der Abwege, die Marmeladentoast und Kaffee genommen hatten. Sie waren aber auch Ausdruck dessen, was ich aufgrund des Kommentars empfand.
Alice Schwarzer,  Herausgeberin des feministischen Kampfblattes "Emma" als letzte moralische Instanz der Deutschen?
Sie mag die Gallionsfigur der 1968er Frauenbewegung (gewesen) sein. Aber ihr sonst eher wenig geglücktes Auftreten in der Öffentlichkeit und ihr Eintreten für z.B. Abtreibung dienen eher als schlechtes Beispiel denn als Vorbild.
Überhaupt das ganze Gerede von moralischen Instanzen! Ständig werden "moralische Instanzen" abgebaut. Tagtäglich wird einer Person X oder Y des öffentlichen Lebens irgendein Fehltritt nachgewiesen oder wenigstens unterstellt. Hintergrundberichte, Insiderinformationen oder die Nachbarn, die schon immer alles wußten, aber nie gefragt wurden, machen aus dem ehemals so geachteten Menschen einen gemeinen Wicht, dem man keine leere Streichholzschachtel anvertrauen kann. Alles zur Hebung der "öffentlichen Moral"!? Wenn es denn mal um Moral ginge! Welche Moral denn überhaupt?
Es ist die Lust am Skandal. Es ist die Lust am Fall des Anderen. Es ist der Neid auf ein paar Stellen mehr auf dem Kontoauszug. Es ist das ungnädige Spießertum, das laut nach der Verurteilung des Infamen schreit, der so dumm war, sich erwischen zu lassen. Der Volonté Générale fordert Köpfe!
[Exkurs:
Daneben erfreut sich der Donatismus in neuer Gestalt, so wie er auf der Synode von Arles 314 verurteilt wurde, bester Gesundheit. Was anderes ist denn dieses Gerede vom Verlust "moralischer Instanzen" anderes als eine Spielart des Donatismus. Wieso ist die Botschaft vom Dreifaltigen, vom Gebot der Nächstenliebe in ihrer Gültigkeit bedroht, wenn der Städtename Limburg fällt? Auch eine vom Stadtdekan der Stadt Frankfurt am Main gespendete Taufe ist gültig! Für den deutschen Autofahrer ist der Beschluß von Arles ganz einfach an einem aktuellen Beispiel zu erklären: Auch wenn der Vorstand des ADAC zweifelhaften Gebrauch von Fluggeräten macht und die Statistiken zugunsten bestimmter Autohersteller gehübscht werden, funktioniert der Pannennotruf tadellos! Es gibt aber einen Unterschied zum alten Donatismus und den muß ich hier zur Ehrenrettung dieser gestrengen Herren benennen. Der Donatismus war von Aszese und der Frage nach der Erlangung des Heils beflügelt.]
Das Ziel jener pseudodonatistischen Denkart unserer Tage besteht einzig und allein im Abbruch von Autoritäten und damit von Autorität schlechthin. Die Antiautoritären haben alles weggeräumt, was ihnen im Wege stand, angefangen beim Dekalog bis hin zum Leitsatz Preussens: Jeder soll nach seiner Facon selig werden! An der Stelle der Institutionen steht nun die Masse derer, die sich nichts mehr sagen lassen, aber anderen alles vorschreiben will. Das Kollektiv der von allen Maßstäben befreiten Egoisten, ist damit beschäftigt, sich gegenseitig zu demontieren und zu verzwergen. Mobbing, Bullying, Bossing und wie es sonst noch so heißen mag, sind die logischen Konsequenzen daraus.
Nun erreicht der Terror - wie bei jeder zünftigen Revolution - die Riege der Anführer.
Gnadenlos!

Kontrastprogramm gefällig?

Aus dem "politischen Testament" Friedrichs des Großen (1752), zitiert nach der Gesamtausgabe von Volz (1920) Bd. 7, 150:
"Ich sagte es schon und wiederhole es: In Preußen ist man häufiger in Verlegenheit, alle verdienstvollen Handlungen gebührend zu belohnen, als in der Zwangslage, schlechte zu bestrafen. Man kann die Tugend nicht hoch genug achten, noch die, die sie üben, genug ermutigen. Das Staatsinteresse verlangt, daß alle Bürger sich der Tugend befleißigen. Von der Tugend soll man sprechen, wackere Taten sind herauszustreichen, damit sie womöglich noch größeren Glanz erhalten und die für sie empfänglichen edlen Seelen zur Nacheiferung anspornen. Ja, sollte auch ein Mensch den seelischen Schwung der edlen Geister nicht von der Natur empfangen haben und aus Gier nach Ehre und Belohnungen doch eine schöne Tat vollbringen, so wäre damit schon viel gewonnen. Mag auch das Motiv der Tat an sich niedrig sein, die wackere Tat gereicht der Allgemeinheit trotzdem zum Vorteil. Die nützlichsten Bürgertugenden sind Menschlichkeit, Billigkeit, Tapferkeit, Wachsamkeit und Arbeitslust. Sie schaffen Menschen, die für den Zivildienst wie für das Heer gleich nützlich sind. Derartige Eigenschaften müssen belohnt werden."

Eine gesegnete Restwoche!