Dienstag, 23. Februar 2016

Ist Ihnen nicht wohl, Pfeiffer?

Sollte es jemals auf deutschem Boden ein so sympathisches Lehrerkollegium gegeben haben wie das in Heinrich Spoerls Roman "Die Feuerzangenbowle", so wird es spätestens mit den Anrollen des Zuges nach Doorn geschlossen pensioniert worden sein. Stolz auf das Vaterland und seine Geistesgrößen, humanistisch gebildet, Charakterköpfe mit regionalem Charme. Mir selbst, als Nachgeborenem, ist in der Schulzeit eine wilde Mixtur paidagogisch und/oder ideologisch vernebelter Köpfe zugemutet worden. Aber es gab Ausnahmen, wichtige Persönlichkeiten:
Mein hochverehrter Deutschlehrer in der Unterstufe, der letzte im Kollegium mit Fronterfahrung, der mit Liebe und Geduld die Scharten auswetzte, die uns eine burschikose Latzhose in der Grundschule zugefügt hatte.
Mein Mathematiklehrer, der zu Beginn seiner Zeit als Klassenlehrer in der Mittelstufe eine knappe, beeindruckende Ansprache hielt, die ich Jahre später nahezu wortwörtlich in jenem Film wiederfinden sollte, ein Mann, der mehrere Anschläge auf Leib und Leben und Prozesse unbeschadet überstanden hatte.
Mein Relljohnslehrer, der nicht nur unseren Geist mit Philosophie und Dogmatik schärfte sondern unter Zuhilfenahme eines Stückes Tafelkreide ein pennendes oder schwätzendes Christenkind innerhalb eines Sekundenbruchteils in irgendeine hinduistische Kaste katapultieren konnte. Was für ein Scharfschütze!
Neben ein paar anderen liebenswerten Persönlichkeiten war der Rest eher farblos oder trug Strickjacken aus unsäglichen Materialien, las Frankfurter Rundschau oder Alpenprawda (SZ) und wurde von uns nicht für voll genommen. (Dasselbe galt für entsprechende Mitschüler der "Jute statt Plastik"-Fraktion)
Man pflegte ab der Stufe 11 das höflich-distanzierte (und manchmal auch ironisch gefärbte) "Sie" bei der Anrede der Schüler. Eine herausgegebene "Landesgrußordnung" wurde nicht nur in allen Klassen verlesen, sie wurde auch zum gemeinsam gespielten Witz. Für diese subversive Situationskomik hatten die "Blumenkinder" keinen Sinn. Manche Dinge änder sich nicht!
Diese prägenden Persönlichkeiten haben uns zu kritischer Distanz allen Ideologien gegenüber erzogen. Ich bin ihnen bis heute für das, was sie mir beigebracht und eingeschärft haben, von ganzem Herzen dankbar!
Ob heutigen Schülern ein solch halbwegs beglückender Rückblick auf die Schulzeit jemals vergönnt sein wird, darf bezweifelt werden, wenn man jenen Bericht eines Schülers (9. Klasse) gelesen hat.
Diskurs?
Fehlanzeige!
Respekt?
Wenn ein Schüler sich von seiner Lehrerin als

... ach, lesen Sie selbst, was mir meine Erziehung verbietet, zu wiederholen.
Hier der Link zum Artikel!

Wenn ich so etwas lese, dann brauche ich auch
BALDRIAN! BALDRIAN GEHÖRT IN JEDES HAUS!


 Jeder Satz in dieser Szene hätte bei uns genauso fallen können, aber eine solche Verbalinjurie, wie von diesem - nun muß ich mich orthographisch sehr beherrschen - Lehrkörper im oben verlinkten Artikel begangen, wäre vollkommen undenkbar gewesen.

... oder doch lieber Heidelbeerwein?


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