Freitag, 4. September 2015

Presse, Wahrheit und öffentliche Meinung

Der Kommentarbereich einer Zwischennetzseite ist das, was in der in der Zeit ehemals die Seite mit den Leserbriefen war. Im Gegensatz zur guten alten Zeit geht der kommentierende Leser davon aus, daß im Zuge der sog. "Meinungsfreiheit" sein Beitrag selbstverständlich veröffentlicht wird, ungekürzt und unzensiert. Der realistische Leserbriefschreiber früherer Zeiten rechnete in aller Regel nicht mit einer Veröffentlichung. Der Platz auf der Seite war begrenzt. Die Redaktion wählte aus. Doch welche Kriterien wurden damals angelegt?

Der Journalist, Kabarettist und Schauspieler Wolf Schmidt (1913-1977) beschrieb das wie folgt:
"Alles, was der Redaktion zustimmt, liebevoll herauspicken und den Gegenstandpunkt durch möglichst unflätige, unlogische und orthographisch falsche Briefausschnitte vertreten lassen."
(Die Panne)

Wer kann vor diesem Hintergrund den Medien einen Vorwurf machen, wenn sie bei der dünnen Personaldecke aus Überlastung lieber gar keine Kommentare mehr veröffentlichen? Daneben beobachten wir jedoch eine Art von "Gleichschaltung" der Medien, die uns neu zu sein scheint. Alle tuten in das gleiche staatstragende Horn, schreiben dabei noch ungeprüft wie wortgetreu die Agenturmeldungen ab und tragen damit zum uninteressanten Einerlei bei. Fehler über Fehler. Skandale werden erst aufgebauscht. Wenn sich herausstellt, daß es keinen solchen gab, ist das Thema plötzlich futsch!
Ganz neu ist das aber nicht.

Ich erteile dem heutigen Zeugen der Krone, Wolf Schmidt, noch einmal das Wort:
1. "Das beweist nur, wie sehr der schreibende Mensch die Wichtigkeit seiner Schreiberei überschätzt. Als ob der Zeitungsleser nicht darauf trainiert wäre, Widersprüche, Irrtümer, Falschmeldungen, Behauptungen und Gegenbehauptungen nicht nur hinzunehmen, sondern sich geradezu daran zu ergötzen! Der Unterhaltungswert und der anvisierte Effekt einer Blamage gehören doch zum Besten, was wir zu bieten haben, selbst wenn es einmal auf unsere eigenen Kosten geht. Solange der Staatsanwalt nicht eingreifen muss, kann man doch drucken, was man will."
(Die Panne)

2. "Wenn sich wegen jeder Falschmeldung in der Presse ein Redakteur aufhängen würde, dann wäre dieser Berufsstand schon längst ausgestorben."
(Die Panne)

3. "Sobald ein peinlicher Fall in den Verdacht gerät, überhaupt nicht peinlich zu sein, ist kein Mensch mehr am wirklichen Sachverhalt interessiert."
(Die Panne)

Vom unternehmerischen Standpunkt betrachtet:
4. "Eine Druckerei muss dankbar für jeden Blödsinn sein, solange er bei ihr gedruckt wird!"
(Das Techtelmechtel)

Und die öffentliche Meinung; wie ist sie denn nun wirklich? Warum bewegt sich denn nichts?
5: "Die Tragödie der öffentlichen Meinung ist ja, dass die Leute öffentlich immer eine andere Meinung haben als privat."
(Der Betriebsausflug)

Auch hier gilt der Spruch des Predigers: Nihil novi sub sole.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen, werte Leser

Laurentius


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