Donnerstag, 17. September 2015

Bibel bleibt lutherisch?

Zum Trauer- und Gedenkjahr anläßlich der nunmehr 500 Jahren währenden westlichen Kirchenspaltung hat die EKD eine erneute Revision der Lutherbibel vornehmen lassen. Eine Kommission von siebzig Theologen hat diese Arbeit bewerkstelligt. Eingriffe habe es nur an "notwendigen Stellen gegeben". Mehr gibt der Text des epd nicht preis. Wir müssen also warten, bis die entsprechenden Ausgaben im Handel zu erwerben sind. Erst dann werden wir sehen, ob unter "notwendig" nur eine sanfte Korrektur verstanden werden darf, die fromme Hörgewohnheiten nicht stört. Eine "gegenderte" oder gar "geschlechterneutrale" Ausgabe (Jüngix, Apostelix) wird aber wohl nicht zu befürchten sein.
Ich selber neige bei Lutherbibeln zu den Vorkriegsausgaben. Die letzte noch lesbare Ausgabe ist m. E. die Textfassung von 1912.
Warum das so ist, mag eine unkommentierte Gegenüberstellung entlang der Übersetzung von Mt 24, 13-14 möge meinen Standpunkt verdeutlichen:

Textfassung 1912:
 13. Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig. 14. Und es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

 "Bibel in gerechter Sprache" 2006:
13 Alle, die durchhalten bis zum Schluss, werden gerettet werden. 14 Diese Heilsbotschaft von Gottes Nähe wird in der ganzen Welt verkündet werden, um allen Völkern Zeugnis vom Heil abzulegen. Danach erst wird sich die Zeit vollenden.

Die Revision der 1980er Jahre hat die Menschen in Deutschland ebensowenig zu den Quellen des Heils und den Grundlagen unserer abendländischen Kultur geführt wie die "Bibel in heutigem Deutsch", die Bibel in gerechter Sprache" oder die "Volxbibel".
Die mangelnde Bindungskraft, die den protestantischen Kirchen allen gemein ist und die sich schon in den Spaltungen der frühen reformatorischen Bewegung andeutete, hat seit den 1970er Jahren ihre Vollendung in der Selbstauflösung im linken Flügel der Gesellschaft zwischen rot und grün gefunden. Diese Selbstauflösung zeigt sich nicht nur in den Mitgliedszahlen, sie deutet sich auch in den Bestattungsgebräuchen an: Vom alten Gottesacker geht der Weg über Wackersdorf zur umweltfreundlichen Kompostierung im Friedwald.
Eingedenk der schwindenden Besucherzahlen und des gleichzeitig steigenden Durchschnittsalters nimmt sich diese Neufassung eher wie ein Luxusprojekt aus, wie ein letzter Gruß einer längst untergegangenen Epoche.

Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Wobei die "Bibel in gerechter Sprache" meines Wissens kein Derivat des Luther-Textes ist, sondern eine eigenständige ... ja, ähm ... "Übersetzung" ;-)

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Es ging mir darum, den Niedergang einer einstmals hohen Sprachkultur in der "Kirche des Wortes" zu dokumentieren, die bei der Übersetzung mehr dem Geist der Zeit als dem Heiligen folgt!