Freitag, 28. August 2015

"Der Kindlein" und das Moralische (Wochenschau)

Was in den letzten Tagen "blogözesan" passiert ist, erinnert mich ein wenig an Ludwig Thomas unvergessliche Geschichten um den Pfarrer Falkenberg* aus den Lausbubengeschichten, der gemeinhin nur als "der Kindlein" bekannt ist. Er ist ständig in Angst, der Versucher könne ihn und seine Gemeinde verderben. Mal ist es der Lausbub Ludwig, mal die preussische Offiziersgattin, die der Gemeinde eine antikisierende Statue schenkt. Immer ist gleich die öffentliche Moral in Gefahr und es muß ein "Fanal angezündet" werden.  Es ist die Karikatur eines Kirchenmannes, der zwischen Puritanertum und Provinzpolitik steckt, lebensfern, verklemmt, freudlos, bigott und hysterisch. Er hält sich für den Vorposten katholischer Moral und Lehre, ist aber nur ein Spießer in Soutane, der unter bayerisch-barocker Putenseligkeit preussisch-protestantische Tristesse verbreitet, ohne es zu bemerken. Er überzeugt niemanden, höchstens vom Gegenteil. Ein zeitloses und immer noch weit verbreitetes Modell, heutzutage jedoch meistens ungeweiht, seltenst katholisch, dafür aber "engagiert".



Ein anderes zeitloses aber leider zu selten gewordenes Modell stellt jener andere Priester dar, der weder Herz, noch Hirn, noch Glaube dem Zeitgeist geopfert hat. Klar und deutlich führt er uns die unverfälschte Lehre auf, eins mit der Tradition, die heutigen Herausforderungen erkennend, den Weg weisend, keiner Staatsdoktrin verpflichtet, mutig, nicht auf Lob hoffend, ein entweltlichter Mitarbeiter der Wahrheit.




Wenn man hingegen die von uns gewählten Damen und Herren betrachtet, so scheinen sie offensichtlich mit den Problemen unseres Landes ebenso überfordert wie Hochwürden Falkenberg mit dem Lausbuben Ludwig. Die wenig staatsmännischen verbalen Entgleisungen und antidemokratischen Kontrollphantasien der letzten Tage lassen darauf schließen. Mancher hat anscheinend nicht nur die äußeren Maße vom "Kindlein". Sollte dies kein Streß gewesen sein, so liegt die Vermutung nahe, daß sich das Volk durch Proteste und Unmutsbekundungen das Vertrauen seiner Regierenden verspielt haben könnte.
Klingt bekannt? Hatten wir doch schon mal? Na, wer weiß es noch? 17. Juni 1953?

Bertold Brecht, meine Damen und Herren, ist nach gut 60 Jahren plötzlich wieder ein Tageskommentator:

"Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
... Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk 
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
... 
Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?"

TV-Tip für das Wochenende:
Samstag, 20.15 Uhr, n-tv: Führerabend
Sonntag, 20.15 Uhr, servusTV: Stars schlagen Alarm: Schwarzenegger und "la Waldsterben"


* von dem leider viel zu früh verstorbenen Rudolf Rhomberg (1920-1968) einzigartig verkörpert.



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