Dienstag, 18. September 2012

Irritationen

Etwas verspätet - schließlich war superpelliceum ja auch unter der Rubrik "Trägheit" beim diesjährigen Schwester-Robusta-Preis nominiert - kommt ein Eintrag zu Mariä Namen. Mein Beruf hatte mich in den letzten Tagen einfach zu fest im Griff, als daß ein Eintrag möglich gewesen wäre.
Mariä Namen.
Das Fest ist Dank der Kalenderreform von 1970 nicht mehr im römischen Generalkalender, weil man darin angeblich eine Doppelung zum Fest Mariä Geburt (8.9.) sah. Den historischen Grund für die Einführung des Festes hatte man geflissentlich übersehen. Es ist ein Dankfest für die Befreiung aus der osmanischen Herrschaft und ist später auf den Tag der Schlacht am Kahlenberg auf den 12. September verlegt worden, den Tag der Befreiung Wiens von den Türken. In Wien wird dieser Tag immer noch mit einer liturgischen Ausnahme begangen, dem berühmten 5-Männer-Amt.
Mariä Namen.
Ein politisch nicht besonders korrektes Fest, weil es an Zeiten erinnert, in der die Kulturen nicht so fröhlich und verständnisvoll in Europa miteinander umgingen, als es noch um Territorien und Herrschaft ging. Doch wenn auch die multikulturelle Gesellschaft mit ihren vielseitigen Bereicherungen immer wieder beschworen worden sind, so habe ich schon immer Zweifel an dem Gelingen dieses Modelles gehabt. Wenn man von deutschen Klerikern hört, mit welch eindeutigen Gesten in der Halsgegend sie schon mal aus Dönerbuden bedacht werden, wenn sie "soutaniert" auf dem Weg zur Kathedralkirche sind, oder die Entwicklung in manchen Stadtteilen im Ruhrgebiet erlebt, so mag man das Gerede mancher Politiker nur noch als weltfremd bezeichnen.
Nachdem es nun über viele Jahre verpönt war, sich mit der gewalttätigen Schattenseite des Islam auseinanderzusetzen, hat ein Film, den zwar keiner gesehen hat, der angeblich grottenschlecht sein soll,  neue Gewaltexzesse entfacht, an deren Brutalität und Irrationalität nun nicht mehr so einfach vorbeigeschaut werden kann, weil es auch mal in einer deutschen Botschaft geknallt hat. Gepflegtes Multikulti scheint wohl keinen Schutz mehr vor einem entfesselten Mob zu bieten. War vor Wochen noch die Freiheit der Meinungsäußerung, Pressefreiheit und die Freiheit der Kunst beschworen worden, als Titanic eine Klage drohte oder ein paar grenzdebile Mädels in Russland vor den Kadi mußten, schweigen nun die Allversteher in Politik und Medien oder überholen mit ihren Forderungen nach Aufführungsverboten noch jenen Mann ganz weit rechts, den sie noch vor Monaten als reaktionären Zensor abgetan haben, Martin Mosebach.
Wie kann sich ein hessischer Innenminister zu der Aussage hinreissen lassen: "Nichts rechtfertigt die Verletzung religiöser Gefühle!" und dabei nicht bedenken, in welche Ecke er sich damit redet. "Die subjektive Empfindung verletzter Gefühle kann und darf nicht zum Maßstab eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates werden." So hätte es doch wohl heißen müssen!
Wie habe ich bitte den Beitrag des Zentralrates der Muslime zu verstehen, der vor Ausschreitungen warnt, wenn es zur Aufführung des Filmes in Deutschland kommt, dabei aber nicht zur Wahrung des öffentlichen Friedens und nicht die Achtung der verfassungsmäßig garantierten Rechte anmahnt?
Gewinnt nun wieder das Recht des Gewaltbereiten Einfluß auf die Politik?
Ich bin höchst irritiert, wenn ich eine stotternde und stammelnde Kanzlerin in der Bundespressekonfernez erleben muß, die vor nicht allzu langer Zeit dem Heiligen Vater in aller eloquenten Unverschämtheit vor den Koffer getreten hat. Aber mit Stalin gesprochen: "Wie viele Divisionen hat schon der Papst?" Hätten die katholischen Schützenbruderschaften vielleicht mal mit einem Aufmarsch vor dem Kanzleramt drohen müssen. Aber auf eine solche Idee kommt man als Europäer und Demokrat nicht!
Mariä Namen.
In Münster ist eine Hindenburgplatz nicht mehr tragbar, der dem Mann gewidmet worden war, der den Vormarsch der russischen Truppen gestoppt hat. Dass man zur Demontage der Person sich derselben Bilder bedient hat, die von der braunen Propaganda ausgenutzt wurden, mit der man den greisen Reichspräsidenten instrumentalisiert hatte, um "den Unnennbaren" salonfähig zu machen, zeugt im besten Fall von Ahnungslosigkeit, im schlimmsten Fall von Skrupellosigkeit.
Geschichtslosigkeit und gepflegte schwarzen Legenden.
Beides läßt mich erschauern!
Mariä Namen.
Mir hat das Fest noch einmal die fatalen Folgen aller ideologischen Sichtweisen auf die Vergangenheit vor Augen geführt.
Man kann nur beten, daß aus dem Land der egomanen Zalando-Besteller und iphone-Benutzer endlich wieder ein Land der Dichter und Denker werden möge!