Samstag, 21. Januar 2012

Ein Verlust

Wie ich gerade gelesen habe, ist am Montag Gustav Leonhardt in Amsterdam gestorben. Er galt als einer der Wegbereiter dessen, was wir heute landläufig als historische Aufführungspraxis kennen. Seine Interpretationen der Werke Johann Sebastian Bachs haben meinen Musikgeschmack nachhaltig beeinflußt. Während meine Schulkollegen sich ihre Plattenschränke mit "simple minds", Klaus Lage oder Queen vollstopften, kaufte ich Leonhardts Scheibe "Das authentische Cembalo" oder die Goldberg Variationen. Mich langweilten die ganzen Songs, ob sie jetzt "engagiert" waren oder die Stimmung auf Feten machten. Mich hatte Bach gepackt und zwar in der Interpretation Gustav Leonhardts. Ich ertrage bis heute nur mässig Aufnahmen von Karl Richter. Auch komme ich mit den Vertretern des momentan angesagten "niederländischen Schunkelbarock" nur schlecht zurecht.
Leonhardts Weg zur werkgetreuen Interpretation in werkgetreuen Besetzungen und mit werkgetreuen Instrumenten, diese Suche nach den Ursprüngen, nach Wahrheit, puristisch, ein wenig puritanisch, auch vorbei an den angeblichen Notwendigkeiten der Zeit, hat auch bei mir ziemliche Spuren hinterlassen. Wenn ich an die angeblichen Revolutionäre in klassischen Musik denke, den punkige Nigel Kennedy oder den m.E. psychisch etwas auffälligen Cameron Carpenter mit seiner akrobatischen Zirkusnummer an der Orgel, dann mag das ja vielleicht technisch genial sein, aber um wen geht es? Wenn ich jetzt altvorderen Gedanken nachgehe, so sagt schon die Kleidung mehr als genug: Hier der gepflegte Charme englischen Tuches, dort die Aufmachung eines "alten Zirkuspferdes". Bei Carpenter geht es darum, was er aus dem vorgefundenen Notenmaterial für Capriolen zu ziehen vermag. Bei Leonhardt ging es um Bach.
Ich hatte vor einigen Jahren das große Glück, ihn an der Orgel erleben zu dürfen. Es war ein unvergesslicher Abend. Der tosende Applaus am Ende war ihm eher peinlich als angenehm.
Adieu, Gustav Leonhardt und Requiem aeternam!

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Tja, mein lieber Laurentius, über Geschmack und Liebe läßt sich bekanntlich trefflich streiten. Mich hat J.S. Bach erst ab dem Zeitpunkt fasziniert, als ich ihn in Neubearbeitung oder auf der Orgel in völlig ungewohnter (nämlich symphonischer) Registrierung hörte. Da wurde deutlich, daß die Musik für größeres als Truhenorgel und Cembalo komponiert worden ist. Allerdings hat so ein Bachwerk auf einem Originalinstrument durchaus auch seinen Reiz. Ganz schlimm finde ich jedoch ein Bachsches Präludium auf einer Universalorgel in möglichst biederer (Neo)Barockregistrierung!

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Ich hatte eine Einspielung (Welte-Orgel) mit Interpretationen von Karl Straube. Hatte was. Auf ner Cavaille-Coll, ne. Da dann Dupré, Widor und Vierne aber mit Schmackes! Wobei das Memorial über die Mt-Passion (Bach im Sinne Widors) auf der Chororgel von St. Sulpice... das rappelt nett!
Ich kenne auch die bedauerlichen Experimente, bei denen man die Kunst der Fuge auf drei Minitruhenorgeln mit einem Winddruck von knapp 18 mm WS gedudelt hat. Der Bruder H. v. Karajans hat solche sachen gemacht! Die von Leonhardt gewählten Instrumente waren in aller Regel etwas größer!