Donnerstag, 27. Oktober 2011

Wutbürger - Psychogramm eines Ideals

Wir haben es ja seit Sturrgert 21 mit einem ganz neuen Phänomen zu tun. Nicht nur junge, enthusiasmierte Menschen gehen für eine bessere Welt auf die Straße. Nein, auch die ältere Generation über 50 steht auf, kämpft für alte Bäume, Juchtenkäfer und Denkmale der Baugeschichte, die sie in ihrer aktiven beruflichen Zeit "ohne mit der Wimper zu zucken" noch mit Abrißbirnen behandelt hätte.
Man ist gut organisiert. In Stuttgart ist man auch fachlich gut aufgestellt, wie die endlosen Übertragungen aus dem Rathaus zeigten und ist in der Lage, Alternativlösungen zu entwickeln. In Kirchenfragen wird übrigens diese mangelnde fachliche Vorbereitung durch Engagement und hohe Emotionalität bei den Vorträgen wettgemacht.
Einsicht in Notwendigkeiten?
Gesellschaftlich motiviertes Engagement?
Was macht eigentlich einen Wutbürger aus?
Woher kommen sie jetzt auf einmal alle?
Haben wir es mit 68er Nostalgie zu tun?
"Wat isse ne Wutbürger?" (frei nach Heinrich Spoerl)
Die Fragen haben sich auch einige Forscher in Deutschland gestellt. Die Antworten dazu bietet nun die "Junge Freiheit" (Nr. 43/11 vom 21.10.2011, S. 6). Eigentlich bringt diese Studie nichts Neues. Was nun gleich in Kürze dargestellt wird, haben sicherlich schon viele von uns geahnt. Besonders wenn man sogenannten "Wutkatholiken" begegnet, hat man so seine Zweifel an den hehren Zielen mancher Vertreter dieser Gruppe von Aktivisten.
Nun sind wir aus dem Bereich der Vermutung und der unchristlich bösen Unterstellung heraus.
Fakten, Fakten Fakten!
Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter vom Institut für Demokratieforschnung hat ein Psychogramm entworfen und gleichzeitig soziales Herkommen, Bildung etc. untersucht.
Der Wutbürger ist in der Regel über 50, meist männlich, hat eine universitäre Ausbildung genossen, ist finanziell (noch) sorgenfrei. 30 % von ihnen sehen sich politisch "ganz links". Er ist bisher nicht an Protestaktionen beteiligt gewesen.
Ginge es jetzt um andere Bereiche, so würde man man sicherlich von einer Bedrohung der Gesellschaft durch finanziell potente Extremisten oder Fundamentalisten sprechen, von einer noch nicht bekannten Anzahl möglicher Schläfer... Egal!
Aber wofür kämpfe sie und stehen sie ein, diese auf Krawall gebürsteten Senioren?
Die Diagnose des Institutes ist erschütternd!
Sie gehen nur für jene Probleme auf die Straße, die das eigene traute Heim oder den Grünstreifen vor dem Haus betreffen, also Windräder, Strommasten, Startbahnen in nächster Nachbarschaft oder die Gassistrecke durch den schönen Hofgarten. Die mit Verve verteidigten Interesse der Gesellschaft sind in der Regel als ortsnah zu bezeichnen. es geht immer um Projekte in der Nähe ihres eigenen Grundstückes, weil sie Wertverluste ihrer Immobilien oder Beeinträchtigungen ihrer Mittagsruhe und Gartenpartys durch Lärm von außen befürchten. Der Juchtenkäfer ist also ein Bonus in der Argumentation und nicht der Grund für sie.
Sie wollen Basisdemokratie, wenn es um die Wahrung ihrer Interessen geht und das Ergebnis den Wünschen entspricht. Es geht um Besitzstandswahrung, Deutungshoheit und die Ruhe in den eigenen vier Wänden. Vorgartenfundamentalismus!

Das wenig schmeichelhafte Ergebnis von Franz Walter in drei knappen Worten: "Alt, stur, egoistisch".
Und dort wo es gerade keine Bahnhofsprojekte, Windräder oder Landebahnen gibt, füllen die älteren Herrschaften mittlerweile Kirchen und Gemeindesäle, um für einen angstfreien Dialog auf Augenhöhe zu sorgen.

Also doch kein "demokratischer Frühling"!
Neobiedermeier!

PS: Wer weiß, an welches Werk der deutschen theologischen Forschung sich der Titel anlehnt, der kann das Original aus meinen eigenen Beständen gewinnen!
Na, wer traut sich?

Kommentare:

dilettantus in interrete hat gesagt…

Nein ich will keinen Drewermann!

Morgenländer hat gesagt…

Schöner Artikel!

Und das Psychogramm des Herrn Drewermann ist wirklich ausgezeichnet gelungen.

Viele Grüße
Morgenländer

Admiral hat gesagt…

Nee danke. Drewermann will ich nicht bei mir rumstehen haben. :-)

ultramontanus hat gesagt…

Wat? Du besitzt Drewermannschmöker? Junge, Junge!

Anonym hat gesagt…

Ich passe in das Wutbürger-Altersschema und hab jetzt auch erstmals das Demonstrieren entdeckt! Einmal für die Christen im Irak, einmal für die Kopten.
Für Birkenstocks wars zu kalt, und einen Vorgarten hab ich gottseidank nicht..

Mary

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Mary, Du scheinst weiblich zu sein und nicht gegen Windkraftanlagen auf dem Nachbarfeld zu demonstrieren. Wenn es Dich beruhigt:
Du paßt nicht ins Schema!

@ ultramontanus:
Die einen verdienen an Pornos mit, der andere hat nen Drewermann im Bücherschrank!
Wir sind halt Sünder allzumal!
;-)