Dienstag, 12. Juli 2011

Ich war dann mal weg!

Nach erholsamen Wochen an der See sind wir nun wieder in heimatliche Gefilde zurückgekehrt. Wir haben uns an den noch nicht überlaufenen Stränden der ostdeutschen Diaspora prächtig erholt. Keine Nachrichten über das so wunderbare Treffen in Mannheim oder die Verbrüderungsaktionen zu einer ökumenischen Gemeinde St. Peter (der Name allein ist schon ein Bonmot) nichts. Ich persönlich habe das auch nicht vermißt. Ich habe übrigens sehr wenig vermißt, in dieser Landschaft mit den verfallenden evangelischen Dorfkirchen und den insgesamt nur gut 16.000 Katholiken. DEr Denkmalschutz leistet gute Arbeit, wenn auch hier und da eine Million mehr ganz gut täte. Aber wir müssen ja momentan Europa retten und nicht unser Kulturgut. Egal!
Es waren Wochen in einer christlichen Wüste und sie unterschieden sich erstaunlicherweise nur wenig von der restlichen Wochen des Jahres, die wir in der angeblich so christlich verwurzelten Provinz verleben. Den Unterschied im Alltag spürt man nicht, nicht im Supermarkt an der Kasse, nicht in der Bäckerei, nicht bei den kleinen Gesprächen und Begegnungen mit den Menschen, zumeist aus dem "Wilden Osten" stammend. Wenn auch die vielen antichristlichen Jahrzehnte der beiden Formen des Sozialismus haben nur wenige Styloi überstanden. Es gibt keine spürbaren Unterschiede, außer vieleicht, daß die Umgangsformen noch deutlich gepflegter sind als in den "gebrauchten Bundesländern". Es gehen halt nur noch weniger Menschen in die Kirche als bei uns.
Meine Frau hat mich dann überredet, doch einen katholischen Gottesdienst im Urlaub zu besuchen. Es war der Sonntag nach Fronleichnam. Die Messe sollte in einem Seebad in einer katholischen Kirche stattfinden, die zu einer Familienbildungsstätte gehörte. Geleitet wurde das Haus von einem kleinen Nonnenkonvent mit der üblichen Altersstruktur. Die Stammgebäude jener Einrichtung stammten noch aus der Zeit um WK I, inkl. Kapelle, was zunächst einmal hoffen ließ. An der Parkplatzschranke fanden wir dann jedoch den ersten Aufsteller mit einer laminierten Umleitungsempfehlung für Gottesdienstbesucher. Die Messe fände nicht in der Kapelle sondern im sowiesodingsbums-Saal statt. Wir prägten uns die eingezeichnete Route durch die Anlage ein und gingen los. Kurz vor der Vielfachverwendungsaula gerieten wir dann in das Ende der Fronleichnamsprozession. Man hatte einfach schon einmal eine halbe Stunde eher angefangen. In der sonst so erstaunlich gut informierten Lokalpresse fand sich dazu kein Hinweis. Wir kamen pünktlich zum Segen am letzten Altar.
Und mit einem Schlag waren wir wieder zu Hause, mittendrin im realexistierenden deutschen Katholizismus! Die Messdiener schellten und nur zwei Personen beugten die Knie, meine Frau und ich, kritisch beäugt von den umstehenden Personen mit akuter Ekklesialarthrose. Danach zog dann alles in den Saal. Dieser strahlte dieselbe Gemütlichkeit aus, die katholischen Pfarrheimen, evangelischen Gemeindesälen und sozialistischen Volkshäusern gemein ist: der Geruch von Reinigungsmitteln und längst verzehrten Speisen, gepaart mit zusammengewürfeltem Mobiliar, schlecht geputzten Scheiben und Vorhängen, denen mindestens ein Röllchen aus der Schiene gerutscht ist.
Die vorhandene Bühne war selbstverständlich nicht für den Aufbau des Altares benutzt worden. Dieser stand auf einem welligen, grünen Teppich vor einer der großen Glastüren an einer der Längsseiten des Saales mit Blick auf zwei Bäume und die Anlieferungsrampe des "Facility-Bereiches". Das Arrangement auf dem Altar:
zwei Kerzen auf der Epistlseite
dunkles Kruzifix mit Messingkorpus und Messinggloriole (um 1930) auf der Evangelienseite.
Die Stühle waren im Halbkreis um den Altar gestellt und ermöglichten so den Gläubigen den unverstellten Blick auf die Laderampe.
Als wir endlich mit einem Liederzettel ausgestattet waren und an zwei freien Stühlen angekommen waren, passierte es: der Chorleiter hatte eine Backgroundmachine aktiviert und ein "improvisierter Familienchor" sang einstimmig und vor sich hinwippend irgendeine schon lange nicht mehr neue Nummer aus dem NGL-Bereich.
Als zur Gabenbereitung dann mein erklärtes Lieblingslied "Eingeladen zum Fest des Glaubens" meine Betrachtungen über das Geheimnis der Eucharistie jäh unterbrach...
Im Anschluß an die Messe haben wir dann vor dem Tabernakel in der Kirche noch ein wenig Ruhe gefunden.
Die Kirche selbst war mit viel Geld und künstlerisch-zeitgenössischem Aufwand der Ästhetik der weißen Wand angenähert worden. Nur die 1960er Jahre Notorgel hatte die Reformen überlebt, obwohl diese sicherlich schon längst einem besseren Instrument hätte weichen sollen. Aber wer braucht heute noch Orgeln?
In der Diaspora zeigt sich ja das Profil einer Kirche angeblich deutlicher, das Gefühl der Vereinzelung spürbarer. Für den Alltag kann ich das nicht bestätigen, für den Kirchgang sehr wohl.

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