Donnerstag, 3. März 2011

Liturgiereform à la Prusse




Die Webpräsenz des Rogateklosters, Berlin hat anläßlich der 200 Wiederkehr jenes Tages, an dem der Landesherr und -bischof, S.M. Friedrich Wilhelm III. von Preussen Richtern, Anwälten, Rabbinern, etc. und Pastören bei der Ausübung ihrer Amtsgeschäfte das Tragen eines Talares verordnete.
Damit kam endlich Ordnung in das Gewusel! Neben lutherischen Gemeinden, die das Tragen der alten katholischen Gewänder fortgesetzt hatten, gab es auch jenen Schlendrian, den S. M. besonders im Auge hatte. So mancher Pfarrer auf dem Dorf pflegte die Kirche über die Außentreppe zur Kanzel direkt aus dem Pfarrgarten zu betreten, überließ den Gottesdienst ansonsten dem Organisten und predigte im Morgenrock, wenn es mal wieder besonders knapp geworden war. Dieser Unordnung sollte durch eine Amtstrachtsverordnung begegnet werden. Dank obrigkeitlicher Überwachungsmaschinerie gelang die Durchsetzung recht schnell. Damit war aber nicht nur der Schlendrian beseitigt. Die Anbindung an die eigentliche Mutterkirche, die in vielen lutherischen Gebieten auch äußerlich noch am liturgischen Gewand erkennbar war, verschwand binnen kurzer Frist.




Aber auch die liturgische Vielfalt ging perdu, denn gleichzeitig wünschte S.M. eine Vereingung der reformierten und lutherischen Untertanen und oder Schäflein seines Landes. Der gute alte F.W.D. Schleiermacher wurde damit beauftragt, die theologischen Grundlagen für die preussische Union zu schaffen. Daneben schuf man ein neues Gottesdienstbuch für alle, die berühmt-berüchtigte und sog. Unionsagende, in deren Dunstkreis ja auch das so beliebte "Ich bete an die Macht der Liebe" gehört. Letztlich barchte die ganze Unternehmung viel Ärger und Verdruß (besonders für den armen Schleiermacher) und einen merkwürdigen "Konfessionshybriden" hervor, der sich nie recht entwickeln wollte und geistlich hohl blieb. Ein Versuch, bei den Anglikaner in späteren Jahren anzudocken, verschlimmbesserte die Situation.
Der sich abzeichnende Bruch mit den alten Katechismen, Gottesdienstbüchern, die nicht gewollte Verbindung mit den Reformierten und den Schwierigkeiten mit dem ungeklärten Abendmahlverständnis der Union, etc. führte zur Abspaltung der sog. Altlutheraner, die ihre alte Formen der Gottesdienste, der Beichte vor dem Empfang des Sakramentes, Katechismen usw. beibehielten.
Kommt mir alles irgendwie bekannt vor.
Das wollte ich eigentlich alles gar nicht erzählen!
Auf der Seite finden sich einige kurze Wortmeldungen nicht ganz unbekannter Persönlichkeiten (Bischofin i.R. Jepsen, Weihbischof Jaschke etc.) und auch weniger bekannter Personen.
Den älteren Schreibern ist das Schwelgen in alten 68er Erinnerungen gemein (S. Ex. Jaschke haben wohl auch gekämpft???) und die Erzählung von der Überwindung ihrer Vorbehalte gegen das Kleidungsstück.
Daneben gibt es auch eine Wortmeldung, die sich abfällig über junge "Magnifizenzen" äußert, Prof. em. Georg Turner:
"In meiner 16jährigen Amtszeit habe ich den Talar nur bei Veranstaltungen in Ostblockstaaten getragen. Dort hatte man ein unverkrampftes Verhältnis zu Symbolen. Wenn heute jüngere Amtsträger in den Universitäten mit Talar und Amtskette erscheinen, wirkt das auf mich immer ein wenig lächerlich. Sie sind die Nutznießer der Reformen und gerieren sich jetzt wie diejenigen, die seinerzeit bekämpft worden sind."
Genau! Da geht einem alten Kämpen sofort das Messer in der Tasche auf! Im Osten war alles besser und unverkrampfter! Klaro! Und im Westen? Sorbonne? Oxford? Nicht eingeladen worden oder Talar zu Hause gelassen, weil die Franzosen zu gaullistisch waren und die Engländer ne Monarchie haben? Es ist nicht einfach mit diesen Menschen...
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1 Kommentar:

Johannes hat gesagt…

Vielleicht geht uns und den Herrschaften irgendwann einmal auf, dass die gerade herankommende, junge Generation ebenfalls ein unverkrampftes Verhältnis zu Stoffen und Symbolen haben?!
Die pathologische Verkrampfung scheint doch ein specificum der Generation zwei Jahre vor Siebzig zu sein ...