Sonntag, 6. Februar 2011

Danke, Mama!

Obwohl ich erst nicht zum Thema Memorandum schreiben wollte, folge ich dem Aufruf von Alipius und sage auf meine Art "Danke, Mama!"

Ich glaube, Gott, mit Zuversicht,
was deine Kirche lehret,
es sei geschrieben oder nicht,
denn du hast ihrs erkläret,
der du die Wahrheit selber bist
und Wahrheit nur kannst geben.
In diesem Glauben stirbt der Christ,
in diesem Glauben stirbt der Christ,
in diesem muß er leben.

So steht der Text im alten Kölner Gesangbuch. Ein Vergleich mit dem heutigen GL-Texten (wenn das Lied überhaupt noch bis in den Diözesan-Anhang gekommen ist) zeigt interessante Textvarianten und Neuordnungen. Gehörte dieses Lied mit den zwei weiteren Strophen ("Ich hoffe, Gott, durch deinen Sohn Verzeihung meiner Sünden"/"Gott über alles lieb ich dich aus meinem ganzen Herzen") in den Bereich "heiliges Leben" wird es heute, um die zwei Strophen gekürzt und durch eine "spiritualisierte" Textvariante verändert, zum Credoersatz für die Sonntagsmesse.
So wird dann aus Zeile 3ff:
dein Heilger Geist verleiht ihr Licht
und alles ihr erkläret.
Der du die Wahrheit selber bist,
hast ihr dein Wort gegeben.
In diesem Glauben lebt der Christ,
in diesem Glauben stirbt der Christ,
erlangt das ewge Leben.

Es gibt immer mal wieder Textvarianten, die nebeneinader her auf eine lange Tradition zurückblicken können. Aber gerade im Bereich der Gesangbücher und ihrer Reformen zeigt sich seit langer Zeit an Verbesserungseifer, der mir sehr fremd ist. Da wird mal eben aus "Brüdern" ein "freudig loben", damit sich auch emanzipierte Vollzeitbetroffene mit dem Liedtext identifizieren können oder wie im obigen Lied wird dann mal ganz schnell was ganz anderes daraus gebastelt. Die mangelnde Ehrfurcht vor dem geistigen und geistlichen Werk unserer Vorgänger im Glauben hat mich schon immer etwas erschreckt.
Wie kann man nur so stumpf und arrogant mit gewachsenen Texten umgehen?
Sind diese Leute alle nicht in der Lage, auf Autor und Abfassungdatum zu schauen und von daher eine gewisse Abstraktionsleistung von sich selbst und der Jetztzeit zu vollbringen?
Offensichtlich nicht. Der Text etspricht nicht meinen Vorstellungen, also ist der Text schlecht.
Ich verstehe den Text nicht, also ist der Text doof und muß so geändert werden, bis ich ihn verstehe.
Man stelle sich nur einmal vor, eine Kommission des deutschen Buchhandels beschlösse, aus Gründen der Gleichbehandlung von Mann und Frau dürften die nächsten Ausgaben des "Felix Krull" von Thomas Mann nur noch in der Fassung einer "Felicitas Krull" erscheinen.
Welch ein Aufschrei ginge wohl durch die Literaturwelt? Oder gäbe es vielleicht keinen Aufschrei? In den USA ist ja schon eine politisch-corrigierte Ausgabe des Tom Sawyer auf den Markt gedrängt worden, weil doch im Original das Wort "nigger" so häufig vorkommt, was heute ja unzumutbar ist.
Gleichwohl existieren in Deutschland leider immer noch die "arisierten" Ausgaben evangelischer Kirchenmusik und werden zum Teil noch immer nachgedruckt und gesungen. So haben die sogenannten "Deutschen Christen" in der NS-Zeit jüdische Bezüge z.B. aus bachischer Musik herausgetrennt und durch unverfängliche Texte ersetzt. Wer also als Sänger eine Ausgabe von "Dir, dir, o Höchster, will ich singen" hat, sollte sie durch die Ausgabe "Dir, dir, Jehova, will ich singen" ersetzen, auch wenn der Gottesname darin genannt wird.
Ein bisher wenig bearbeitetes Kapitel der Kirchenmusik Deutschlands...

Was wir nun mit dem Memorandum der 144 (150, 143???) in Händen halten, ist für mich ebenso ungeheuerlich, wie die Eingriffe in die Liedtexte oder die Vorstellung einer "Felicitas Krull" oder des politisch-correcten "Tom Sawyer".
Das Memorandum sagt mir viel über das Befinden, die Befindlichkeiten und die Denkstrukturen der Unterzeichner, doch werden sie mit ihren Vorschlägen einer zeitgemäßen Über-und Umsetzung der Botschaft dem "Text" unserer Tradition gerecht? Lassen sie der Lehre unserer Kirche Gerechtigkeit widerfahren?
Der Text verrät wenig Liebe zum überkommenen Glaubensgut, mangelndes Vertrauen auf unsere Mater et magistra. Hier gilt offenbar nur noch, was anders und neu gemacht werden kann. Hier spricht sich eine "Renovierungswut" aus, die zwar viel Kreativität und Innovationsgeist zeigt, aber Grundkenntnisse der Statik außer acht lässt. Ob diese Innovationen wirklich das sind, was die Kirche heute braucht, möchte ich in aller Demut bezweifeln. Ein Blick zu den reformatorischen Geschwistern im Herrn zeigt, wie glaubensstärkend und kirchfüllend diese angeblich notwendigen Verbesserungen sind. Es ist auch nicht wirklich sehr innovativ, was uns da als Notwendigkeiten angeboten wird. Idiomatisch klingt da vieles an, was man auch in Gewerkschaftspapieren der 1970er Jahre finden kann... Es ist m.E. schlichtweg Ausdruck dafür, wie "durchprotestantisiert" einige kreise sind.
Daneben scheint man von der Unfehlbarkeit der eigenen Position sehr überzeugt zu sein. Es ist wenig thetisch formuliert. Nirgendwo findet sich ein Satz wie:" auch auf die Gefahr hin, dass wir uns irren...".
Die Meinung, für die überwiegende Mehrheit der schweigenden Katholiken zu sprechen und daraus einen Wahrheitsanspruch ableiten zu können, gibt dem ganzen Schreiben einen merkwürdig paternalistischen Zug, der Wahrheitsanspruch und Demokratie vermengt. Jetzt einmal abgesehen von dem doch eher wenig demokratischen Verständnis, das sich hier ausspricht, muß ein Punkt noch einmal festgehalten werden:
Wahrheit ist nicht demokratisierbar. Wahrheit ist adelig, ist wahres Gottesgnadentum!
Das Evangelium kann nicht durch Expertenkommissionen und kirchenparlamentarische Entscheidungen an die Erfordernisse der Gesellschaft angepaßt werden, es ist gefälligst der Welt zu verkündigen, ob es den Leuten nun in den Kram passt oder nicht:
"Praedica verbum, insta opportune, importune, argue, increpa, obsecra, in omni longanimitate et doctrina" 2 Tim 4,2.
Und weiter heißt es dann in Vers 3f: "Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden. Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!"
Die Lehre der Kirche ist, nach katholischem Verständnis, wenn ich es richtig behalten habe, doch unwandelbar und wahr?!
Das Memorandum ist für mich eine Art verspäteter Triumph der Reformation des Nordens. Es ist ein Ausdruck deutscher Provinzialität. "Wir wissen ganz genau, was die Weltkirche braucht!"
Wie wäre es denn, wenn sich das deutsche Wesen mal ausnahmsweise seine Genesung in Rom suchte und nicht seine angeblichen Heilkünste zu exportieren suchte? Das wäre doch einmal eine tolle Importleistung des Exportweltmeisters, nicht wahr?
Als überzeugter Gläubiger der globalisierten Weltkirche und erklärter Feind aller nationalkirchlichen Bestrebungen setzte ich in aller Bescheidenheit, Demut und kindlicher Zuversicht mal wieder das Gebet des seligen John Henry Card. Newman dieser Position entgegen:

Herr, wir glauben und bekennen voll Zuversicht, daß du deiner Kirche Dauer verheißen hast, solange die Welt besteht. Darum haben wir keine Sorge und Angst um den Bestand und die Wohlfahrt deiner Kirche. Wir wissen nicht, was ihr zum Heile ist. Wir legen die Zukunft ganz in deine Hände und fürchten nichts, so bedrohlich bisweilen die Dinge auch scheinen mögen. Nur um das eine bitten wir dich innig: Gib deinem Diener und Stellvertreter, dem Heiligen Vater, wahre Weisheit, Mut und Kraft. Gib ihm den Trost deiner Gnade in diesem Leben und im künftigen die Krone der Unsterblichkeit. Amen.

Schönen Sonntag noch!

1 Kommentar:

Stanislaus hat gesagt…

Ich sage immer: Wer Texte überklebt, verbrennt auch Bücher!