Mittwoch, 26. Januar 2011

Cambridge, Pugin, Kiedrich

(Jetzt unter dem richtigen Datum!)

Diverse, sich fröhlich und nacheinander austobende Infekte und die direkten Folgen einer unnötigen und nicht nachvollziehbaren Personalentscheidung des hiesigen Stellvertreters haben mich in den letzten Wochen verstummen lassen. Kraftlos und wenig ideenreich schleppe ich mich durch Wohnung und Bureau und die Duseligkeiten von WisiKi und CDU lassen mich völlig kalt. Wenn es um die Wiedererlangung der körperlichen Gesundheit und die Frage nach der verlorenen geistlichen Heimat geht, werden andere Randereignisse auf das Maß zurechtgestutzt, das ihnen zukommt.
Während mein Körper langsam gesundet, bin ich geistlich heimatlos geworden und werde es wohl auf absehbare Zeit auch bleiben. Wie sehr mich die Jahre seit dem Motu proprio verändert haben, merke ich nun, wo ich dank der Entscheidung eines gewissen Stellvertreters nun offensichtlich dazu gezwungen werde, mich in Sachen Messbesuch einem der "Vertriebenenverbände" anzuschließen, was ich rein "aus ideologischen Gründen" nicht will (ich bin ein "High Church Man" und kein Trachtler!), oder mich mit den Formen der religiösen Unterhaltung zu begnügen, die man mir als Grundversorgung anbietet, was ich aus ästhetischen, liturgischen, musikalischen und geistlichen Beweggründen kaum noch aushalte.
Zum Glück habe ich in den letzten Monaten ein paar Sachen "auf Halde" geschrieben, die ich jetzt nach und nach hier einstellen werde, damit dieses Weblog nicht im Sumpf meiner schwarzen Gefühle versackt.
Es wird also etwas allgemeiner, beschaulicher und vielleicht auch etwas langweiliger und weniger bissig zugehen.

Ich habe ja schon seit vielen Jahren einen Faible für Kiedrich. Das Städtchen ist wunderschön, die Gastronomie ist durch die Bank empfehlenswert und dann diese Kirche!
Die finanzielle Großherzigkeit des englischen Baronets John Sutton hat hier musikalisch und architektonisch etwas überdauern lassen, was man wohl nicht hoch genug einschätzen kann.
Also wenn man Kiedrich so sieht, ich kann den Sutton schon gut verstehen!
Ne, wat schön!
Jetzt ist Sutton auf dem Kontinent außerhalb von Kiedrich nicht so sehr bekannt, außer als rheinbegeisterter Touri der Romantik, der ordentlich Geld sehr langfristig in einen kleinen Chor und in Weinberge investiert hat. Doch wer sich die Mühe macht und einmal das BBKL aufsucht, der findet Hinweise zu einer einflußreichen, wie faszinierenden Persönlichkeit. Baronet John Sutton war ein kultureller Netzwerker des 19. Jh. mit hoher sozialer Verantwortung.
Wie sog. Netzwerkarbeit im 19. Jh. ausgesehen haben mag, läßt sich in dem unten angegebenen Artikel ein wenig nachverfolgen.
Die Verbindungen zwischen den Vertretern jenes Teils des "Kulturbetriebs" in England waren eng. Sutton war mit dem Architekten und "Designer" A. W. N. Pugin befreundet, dem theoretischen Begründer, Sammler und Gestalter des "gothic revivals" in England. Pugin war ähnlich vielseitig und einflußreich wie "unser Schinkel", nur nicht so preussisch trocken in der Ausführung. Als Beispiel dafür, wie ich das meine, helfe dieser Link zu einer Mitra von Pugin weiter.
Die Restaurierung der Jesus College Chapel und die Orgel wurden unter ihrer Aegide geschafft. Pugin verdanken wir u.a. die gotische Gestaltung (perpendicular style) der Houses or Parliament, angefangen bei den Fassaden, bis hin zu den Türklinken, Wandbehängen, Lampen, Bodenfliesen, etc. Dieses wunderschönen Bauwerk, ist, das wissen nur wenige, Folge einer Steuerreform! Klingt unerhört, ist aber so! Dat kam so!
Nach einer Steuerreform waren die berühmt-berüchtigten Kerbhölzer überflüssig geworden. Bei der darauffolgenden Vernichtung der "Altakten" im Jahre 1834 hatte man dann wohl nicht ganz die Feuerschutzbestimmungen eingehalten und schaffte dadurch versehentlich Platz für den Neubau von Barry und Pugin und zwar in iner 1a-Immobilienlage mitten in London!
Ganz zufrieden war Pugin mit der Gesamtanlage jedoch nicht, wie sie zusammen mit Sir Charles Barry entwickelt worden war. Barrys Gesamtplan erschien im zu klassisch-griechisch und zu wenig gotisch.
Ich plaudere mal wieder anekdotisch in der Landschaft herum...
Entschuldigung!
Interessant ist zumindest, daß sowohl Pugin (1835) als auch Sutton (1855) zur Una Sancta zurückkehrten. Die Beschäftigung mit der Architektur der Gotik hat dabei nach überlieferten Aussagen einen nicht unerheblichen Anteil gehabt und die Musik hat zumindest bei Sutton das Übrige getan.

"Die viel geschmähten und verdächtigen Ästheten verfügen über eine schreckliche Gabe: die äußere Gestalt einer Sache, eines Vorgangs eines Gedankens enthüllt ihnen mit Sicherheit die innere Wahrheit des Angeschauten."
M. Mosebach, Häresie der Formlosigkeit, 23f.

http://www.newliturgicalmovement.org/2010/11/german-choral-dialect-and-jewel-on.html

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