Montag, 8. November 2010

Kirchweih in Batzelohna

Gestern hat mich ein verdrehtes Knie und ein merkwürdig heftiger Erkältungsanflug, der sich zu heute schon wieder verflüchtigt hat, im Bett und aus der Kirche gehalten. Die Fahrt zu einer recte rite gefeierten Messe erschien mir aufgrund der "allgemeinen Üseligkeit" zu weit und der religiösen Unterhaltung, die mir meine Ortspfarrei angeboten hätte, wollte ich mich in diesem Zustand auch nicht aussetzen. Zum Glück bot der BR die Übertragung der Weihe der Sagrada Familia durch unseren Heiligen Vater aus Bercelona an. Statt beschwerlicherer Unternehmungen entschied ich mich kurzerhand für eine Umbettung meiner angekränkelten äußeren Hülle vom Bett aufs Sofa ins Wohnzimmer.
Pünktlich wie bei Preussens ging es dann auch um Schlag zehne los. Voller Vorfreude lag ich nun vor der Flimmerkiste aufgebahrt und erwartete eine liturgisch runde Feier, mit spanischen Flair. Doch die Mimik des Heiligen Vaters und von Monsignore Marini ließen mich irgendwie Böses ahnen. Es folgten zweineinhalb Stunden, die wenig spanisches Flair, dafür offenen Protestantismus deutscher Provin(ien)z boten.
Echte Reformhauskost: garantiert birettfreies Mantelalbenallerlei auf Konzilsgeistbasis!
Alle meine positiv diskriminierenden Vorurteile über das Land dero allerkatholischsten Majestäten zerbröckelten innerhalb von Minuten vor der demonstrativ zur Schau gestellten, ja was eigentlich?
Wo fange ich an?
Bei der Musik.
Bis auf einen unvermeidlichen Bruckner und einen Stritzer Mozart dudelte die Dame(?) an der (Chor-)orgel nur Bäche. Kein Stück spanische Musik. Dann gab es da ein wenig aus der VIII. Messe (vom Monsignore noch falsch als ältester Choral apostrophiert, stöhn...), ein Liedchen aus der anglikanischen Ecke und ansonsten "hispaniertes deutsches Strophenlied". Schon das Lied zum Einzug erinnerte mich irgendwie an..., egal!
Der Ritus:
Neben dem Hallelujaruf vor dem Evangelium, gab es auch noch den in Mode kommenden Hallelujaruf nach dem Evangelium. Ich empfand das als persönlichen Affront gegen den Heiligen Vater und wäre beinahe... Wie gut, daß ich schon auf dem Sofa lag!
Kann mir mal einer erklären, wo bitteschön das in unseren liturgischen Büchern zu finden ist? Ich bitte um Korrektur meiner vielleicht verblendeten altrituellen Sichtweise? Wo steht das?
Das war ja noch nicht alles!
Es wurde eine riesige Kupferpfanne mit Dreifuß herbeigeschlört und auf den Altar gestellt.
Kommt jetzt Miraculix oder bereiten die Herren aus Villa Bacho und Villa Riba jetzt wieder Paella?
Nein, weit gefehlt! Der Heilige Vater durfte dann mit einer Art Suppenkelle ein halbes Kilo Weihrauch auflegen und danach zogen wild inzensierende Priester durch die Kirche, die offensichtlich den Umgang mit Weihrauchfässern in einem Kurs am Vorabend gezeigt bekommen hatten.
Toll!
Insgesamt war das ganze eher schlampig durchorganisiert. Aber da bin ich wohl anglikanisch verdorben worden...
Nun erwarte ich ja schon nicht mehr, daß bei einer Kirchweihe das Alphabet in die Asche gezeichnet wird, aber gregorianisches Wasser, fünf Flämmchen auf dem Altar,... ist das zuviel verlangt?

Stattdessen drückte man dem Heiligen Vater eine deutlich zu große Karaffe mit Chrisam in die Hand, mit der er sich bei der Salbung herumplagte. War das nur dumm unüberlegt oder überlegt boshaft?
Die Weihe der Apostelleuchter wurde durch die herumsitzenden Leute zu einer Art Hindernislauf oder Geschicklichkeitsübung für die Bischöfe. Jeder machte das dann an seiner Säule so, wie er es für schön oder praktisch hielt... Die Apostelkerzen wurden übrigens durch kleine verwohnzimmernde Stumpenkerzen in Glasbechern dargestellt. Ähnliche Gebilde gibt es in Drogeriemärkten mit den Duftnoten, Vanille, Patchouli, weißer Tee... für den heimischen Tisch oder fürs WC.
Nach der Salbung kam dann das Putzgeschwader der Reformschwestern (im wadenlangen Einheitshabit aus Wolltrevira) und wischte die Chrisamkleckereien das Heiligen Vaters auf, als wenn an der bischöflichen Kaffeetafel ein Malheure mit der Kondensmilch passiert wäre. Ruckzuck wisch und weg, schwupp die frische Decke drauf, im Weggehn noch eben nen Tropfen auf der Stufe mitgenommen und Tschüss!
In mir brodelte der durchemanzipierte Mann. So kann man auch ein angeblich katholisches Frauenbild in der Öffentlichkeit weiter zementieren. Zum Putzen dürfen sie kommen! SUPERIDEE! Außerdem ist das nicht eine Aufgabe der Diakone? Ich weiß es nicht! Nur so vom Gefühl her...
Ach ja, der Altar!
An der "Versus-populo-Seite" ist ein güldenes Gestänge angebracht, auf der sieben Kerzenhalter montiert sind. So verhindert man, daß versus Deum zelebriert wird.
Die Majestäten saßen oder standen an ihren Ehrenplätzen auf der Evangelienseite. Die Gottesdienstheftges auf der Kniebank nahmen sie ebenso wenig in Anspruch wie die Kniebänke selbst.
Dann kam der Kommunionempfang. Wie wurde das jetzt "protokollarisch" ablaufen? Gehen die Majestäten zum Heiligen Vater? Kommt der Heilige Vater zu den Majestäten? Da ich nur "Wort-Gottes-Feiern" aus dem Umfeld der protestantischen Familie Sachsen-Coburg-Gotha kenne, war es für mich eine ganz offene und spannende Frage.
Der Heilige Vater ging zu den Majestäten. Die Königin blieb stehen und reckte um die Kniebank herum dem Heiligen Vater ihre Hände ungelenk entgegen. Der König selbst nahm die Kommunion nicht und würdigte weder den Heiligen Vatern noch unseren Herrn Jesus Christus eines Blickes, den er darbot...
Ich kann Euch kaum sagen, was in diesen Sekunden in mir vorging.
What an insult! I was appalled! I was speachless!
Ich habe mich für für diese Majestäten fremdgeschämt! Ich war zutiefst empört über Mißachtung der Eucharistie und die offene Zurschaustellung dieser Opposition gegenüber dem Heiligen Vater und seinen Wünschen zum würdigen Empfang der Eucharistie?
Was ging da eigentlich an diesem Morgen in dieser Kirche vor?
War das ein Widerhall der schwierigen neueren Geschichte Spaniens mit der katholischen Kirche?
War das der Stolz der Majestäten oder einfach nur,.. ja was?
War das der in Santiago de Compostella beklagte spanische Antiklerikalismus, der sich hier Bahn brach?
Ich habe es als offene Beleidigung des Königs gegenüber dem himmlischen König und seines Diakons auf Erden verstanden. Ob unabsichtlich oder absichtlich, es war aus meiner Sicht protokollarisch eine Katastrophe und ein geistlicher Offenbarungseid!

Ansonsten empfingen diejenigen, die zum Heiligen Vater gingen die Kommunion wie erwartet, während ansonsten in der Kirche das Gros (besonders der Generation 55+) die Handkommunion bevorzugte. Außerhalb der Kirche empfingen fast alle den Leib des Herrn nicht in die Hand, es sei den sie gehörten zu der schon beschriebenen Altersgruppe.
In der Sakramentenkapelle waren dann irgendwelche Mantelalbenträger damit beschäftigt, den Leib des Herrn aus irgendwelchen Schalen in irgendwelche Körbe umzuschichten. Ich habe nicht verstanden, was das sollte. Es sah aber nicht gerade nach einem sehr würdigen Umgang aus...
Am Ende des Gottesdienstes hatte ich den Eindruck, die ganze Feier ist eine Art Trotzveranstaltung der spanischen Bischöfe gewesen, eskortiert von den beleidigt dreinschauenden Vertretern der politischen Klasse in den vorderen Bänken und den beiden Majestäten an der Schwelle zum Presbyterium. Die Bischöfe eines Landes, das wie kaum ein anderes europäisches Land mit einer stark antikirchlichen Regierung zu tun haben, suchen nicht die Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater sondern machen auf bockig!

Und das in einer Kirche, die von einem so tief gläubigen Architekten entworfen wurde, dessen Seligsprechungsverfahren gerade läuft...
Weder Benedikt XVI. noch Msgr. Marini machten auf mich den Eindruck, als wenn sie sich auch nur annähernd wohl gefühlt hätten, ganz abgesehen davon, daß die allgemeine Ritenbastelei nicht schon genug ausgesagt hätte. Der angeblich so schwierige Besuch in England war m.E. dagegen ein Spaziergang.
Der Prophet im eigene Lande...? Vieleicht so etwas in der Art.
Als es dann zum Angelusgebet auf den Platz vor dem Geburtsportal ging, kippte die Stimmung um. Jubelnde Menschen feierten ihren Papst in Sprechchören. In der Kirche mußte alles während der Prozession aus Sicherheitsgründen sitzen bleiben! Klar!
Es erschien mir so, als wenn Benedikt hier "mehr zu Hause" war als bei der Kirchweihe. Unverkrampfte Fröhlichkeit des Papstes und der Jubel der Menschen vor der Kirche... welch ein wohltuendes Kontrastprogramm zu der Eiseskälte in der Sagrada Familia!
Unser Gelehrter auf dem Stuhle Petri ist volkstümlich. Wie abgehoben und fern wirken daneben diese Bischöfe...
Ich habe nun auch den Band über die Prophezeiungen von Andreas Englisch gelesen und hatte mich am Ende gefragt, wie seine Andeutungen über den Leidensweg dieses Papstes zu verstehen sein könnten. Spätestens seit gestern kann ich mir ungefähr vorstellen, was er damit gemeint haben könnte.
Aber am Ende sollte etwas positives stehen!

Kommen wir zur Preisverleihung!
Da ich mich während der Übertragung mehrfach fragte:"Wie bitte?", möchte ich auch die hohe Auszeichnung dieser unvergessenen Sendung vergeben:

Je ein "goldener Pannemann" geht jeweils an die Majestäten, an den Architekten der "Liturgie", an den schlipslosen Chordompteur im Cordsakko, den Erfinder der Paella-Nummer,...die spanische Mantealalbenindustrie...

Kommentare:

Gregor hat gesagt…

Ganz wichtig: nicht Katalonien mit Spanien verwechseln! Katalonien war (und ist es zur Hälfte heute noch) mit schlimm progressistischen Bischöfen geschlagen, die dort alles eingerissen haben. Die Religion hat sich dort zudem mit dem dort immer extremere Blüten treibenden Regionlanationalismus aufs engste verschmolzen. Dort muß im Prinzip ganz von vorne angefangen werden, und wird es teilweise auch schon, etwa durch den exzellenten Bischof von Terrassa, der um ein Vielfaches mehr Seminaristen hat als das verödende Barcelona. Ähnlich (aber nicht ganz so schlimm) sieht es im Baskenland aus, wo aber mittlerweile durchweg hervorragende Bischöfe amtieren - ähnlich wie im Rest von Spanien, wo auch der Katholizismus insgesamt keineswegs so zugrundegerichtet ist, wie in Katalonien. Wenn man sich den Episkopat insgesamt betrachtet, wird man in der westlichen Welt außer in den USA kaum einen vergleichbar guten finden - kein Vergleich mit der DBK.

Was die Königin angeht, weiß ich nicht, woran es lag, wohl einfach daran, daß die Handkommunion so allgemein üblich geworden ist. Anonsten beugt sie regelmäßig auch vor einfachen Bischöfen das Knie zum Ringkuß und gilt als fromm, an grundsätzlicher Unwilligkeit kann es also nicht gelegen haben.

Johannes hat gesagt…

Mit der Zelebration ad Dominum ist es ein bißchen schwierig, weil die Sagrada Familiae leider nicht geostet, sondern genordet ist. Aber man kan sich den Osten ja auch denken. Aber sieht schon traurig aus mit unseren Bourbonen.

Anonym hat gesagt…

Wegen eigener liturgischer Veranstaltungen konnte ich leider nur den Angelus sehen, aber jetzt bin ich ja informiert. Soweit ich das mitbekommen habe war der Gottesdienst in Santiago auch nicht viel besser. Kronprinzessin in Creme und ohne Schleier; von der Königin hätte ich allerdings mehr erwartet. Vielleicht schlägt der preußische Urgroßvater durch?

VIRIDISSIMA VIRGA hat gesagt…

Danke für die Kritik. So war's. Und die Architektur? Papst Benedikt XVI sprach vieldeutig von einer "bezaubernden Schönheit" der Kirche. Nota bene: Verzauberung in einer römisch-katholischen Kirche! In der Tat kam man sich bei der Kameraführung streckenweise wie in einem Horrorfilm vor. Ich fand insbesondere die Säulen und das Gewölbe der Kirche bizarr und kalt, der schön altmodisch wirkende Hauptausgang im hellen Licht hingegen zog den erschreckten Blick beruhigend auf sich. Aber eigentlich möchten wir doch das Allerheiligste Altarssakrament in einer Kirche verehren und nicht dem Ausgang zustreben. Den Tabernakel habe ich in den drei Stunden irgendwie verpasst. Wie verhext...