Mittwoch, 1. September 2010

Katholiken und andere Dummies

Die folgenden Zeilen beziehen sich auf einen sehr lesenswerten Eintrag bei
Mater amata:

Das Wissen um die eigene Kirche ist auf einem Niveau angelangt, daß ich mir manchmal wie der letzte Mohikaner vorkomme. Mir begegnet bei Gesprächen u.a. auch auf Grillpartys (hallo, Elsa!) und ähnlichen Veranstaltungen immer wieder eine Haltung, die sich zwischen blankem Unwissen, Vorurteilen und vor allen Dingen Ablehnnung bewegt.
Grundlagen für einen festen Glauben finde ich seltenst, Wünsche und Sehnsucht danach schon häufiger. Aber es bleibt meistens bei der formulierten Sehnsucht. Man sehnt sich, sucht aber nicht, weil man ja x, y oder z gelesen, oder im Fernsehen gesehen hat.

Wenn es besonders flach daherkommt, wird Gagarin (seine dumme Bemerkung aus der Raumfahrt)angeführt, Hawking wenn es etwas besser ist und Camus "Pest", wenn sie in einer bestimmten Zeit "Relljohnsunterricht" hatten. Das war auch die Zeit, in der finstere Fantasy-Romane in Mode kamen, die Rückständigkeitsszenarien vor der Annahme zauberten, die Inquisition hätte Luther gefasst, die Reformation wäre gescheitert und der böse Papst hätte Europa in seinen Klauen gehalten. Da gab es im Jahr 2000 dann nur Dampfmaschinen und Kerzenlicht. Ich hatte nen Freund (Informatiker, "überzeugter Atheist" und Exprotestant) der solchen Kram verschlang und für eine realistische Perspektive hielt... Was uns alles erspart geblieben sein soll! Ich weiß nicht, was uns alles erspart geblieben ist. Ich weiß nicht was uns alles erspart geblieben wäre, wenn die Reformation wirklich baden gegangen wäre. Vielleicht wären uns zumindest solche dämlichen Romane erspart geblieben! Egal! Es ist so wie es ist und wir müssen nun das beste daraus machen!

Mein "all-time -favourit" ist es, wenn man mal wieder fragt, ob ich die Päpstin gelesen habe. Die soll es ja wirklich gegeben haben,..blabla. Wenn ich dann sage, daß ich diesem nur mäßig gut erfundenen Märchen genauso wenig glaube wie dem angeblich erfundenen Mittelalter eines Heribert Illig, dann hat man mir schon mehrfach das Gefühl gegeben, ich dürfte ja auch nichts anderes sagen, weil ich ja so ein überzeugter Katholik wäre. Und dann wird nicht selten unterstellt, mit der Frauenfrage in der Kirche hätte ich ja offensichtlich auch ein Problem, sonst wäre ich ja nicht so entschieden gegen die Vorstellung, daß es schon mal eine Päpstin gegeben haben könnte.
Hä?

Kurz gefaßt: Alle haben gelernt, warum sie gefälligst zu zweifeln haben. Nur Zweifel an den ins Feld geführten Kronzeugen und Argumenten haben sie niemals bekommen.
Warum man allein aus psychologischen Gründen an den Aussagen von Klerikern und Heiligen zweifeln sollte, wird dann mit Begründungen nach dem Strickmuster "Freud für Dummies", "Heinemann für Promi-Dinner-Gucker" oder "Drewermann für Nichtleser" lang und breit erklärt:
"Überich" sehr stark ausgeprägt, Mutterkomplexe, sublimierte Sexualität (Pong!) und sonstiges Gewölle wird dann häufig in den gepflegten Garten entlasssen.
Ich habe mir dann des öfteren schon die Frage erlaubt, welchen Stellenwert vor diesem Hintergrund die Aussagen eines Mannes haben dürfen, der in einem kaputten evangelischen Pfarrhaushalt aufwuchs, der von mehreren Generationen alleinstehender Frauen dominiert wurde, schon in der Kindheit schwere Psychosomatiken aufwies, seine Professur nach kurzer Zeit wegen seiner psychischen Störungen aufgeben mußte, danach als Privatgelehrter zwischen Wahn und Verstand lebte, einem Zustand, der sich offensichtlich einer früh zugezogenen Syphilis verdankte und mit knapp 55 Jahren nach Jahren völliger geistiger Umnachtung starb.
Die kundigeren Bedenkenträger sagen dann immer ganz schnell, daß man Nietzsches Werk nicht nur vor dem Hintergrund seiner Krankheiten bewerten dürfe.
Aha!
Die unkundigeren Redner halten die dargestellte Person immer so lange für einen höchst unsicheren Kombatanten (...Klar bei den Krankheiten! ... Ob das Verbitterung war oder schon einfache Verrücktheit?.. und dann Syphilis, in welchen Sümpfen der sich wohl rumgetrieben hat?...), bis dann der Name fällt. "Das ist jetzt aber sehr holzschnittartig karikiert! Ein so bedeutender Name kann und darf nicht vor dem Hintergrund seiner Krankheiten bewertet werden. Das tun andere ja auch nicht. Werk und Leben muß strikt getrennt beurteilt werden!"
Ja? Kann man, muß man das?
Warum beim Protestanten Nietzsche und beim Katholiken xy nicht?
Warum unterstellt man (böswillig) pauschal allen Männern und Frauen der Kirche (außer Hildegard von Bingen, die offensichtlich von allen gemocht wird, weil sie als Erfinderin des rein pflanzlichen Hustensaftes und des heimischen Kräuterbalkonkastens erfolgreich vermarktet wird) irgendwelche Defekte, die sie höchstwahrscheinlich nie gehabt haben werden, die sie aber vielleicht gehabt haben könnten und hält sie aufgrund dieser nur vagen Wahrscheinlichkeit für nicht glaubwürdig, während ein mehr als offensichtlich Geistesgestörter glaubwürdig ist ,weil sein Werk gerade nicht von seiner Geisteskrankheit beeinflußt ist?
Müßte ich nicht zunächst von der Richtigkeit der Aussage eines Menschen ausgehen , der zunächst einmal für geistig gesund zu halten ist, während ich die Aussage eines Menschen, der offensichtlich geistesgestört war, zunächst einmal in Zweifel ziehen müßte?

Hier siegt dann wieder die Sympathie über den gesunden Menschenverstand, denn die bekannten Versatzstücke des Nihilsmus nach Nietzsches Pfarrhausart stützt das eigene Zweifelgerüst, während Augustinus oder Thomas an diesem rütteln könnten. Besser nicht an einen heranlassen!!!

Auch die unrühmliche braune Verquickung bestimmter Gestalten, die auch schon mal in Uniform in den Hörsaal gestampft sind, wird zu einer etwas unglücklichen Karnevalsnummer herabgspielt, während man anderen die Zwangseingliederung in die HJ zum lebenslangen Makel machen will.
In solchen Momenten versagen dann immer meine Synapsen, weil ich diesen unlogischen "Blödzinn" nicht mitmachen kann. Ich werde dann schnell unleidig ob dieser Ungleichbehandlung.

Das sind die Folgen jener, den gesunden Zweifel fördern wollenden, liberalen Relljohnserziehung, die mich schon als Schüler zutiefst genervt hat und deren Früchte man in unseren Gemeinden, auf Abendveranstaltungen diverser katholischer Akademien und auf Grillparties quer durch die Republik immer wieder aufgetischt bekommt.
Die Formel heißt ganz schlicht:
Kirchenkritiker haben immer recht, egal ob sie im syphilitischen Wahn fabulieren, braune Uniformen, unmoderne Strickpullover oder knatschende, türkisfarbene Lederkostüme tragen.
Verteidiger haben immer unrecht!

Und wenn St.Michael höchstdaselbst mit dem Flammenschwert vor ihnen stünde und ihnen zum Schutze und Heil ihrer Seele freundlich aber bestimmt von der Lektüre Camus abriete, käme noch der Satz: " Der darf ja auch nix anderes sagen! Der ist ja bei Gott fest angestellt!"

Wie schrieb schon Paul Claudel:
"Die Wahrheit hat nichts zu tun mit der Zahl der Leute, die von ihr überzeugt sind."

Mahlzeit!

Kommentare:

thysus hat gesagt…

Super Artikel! Es wäre ja ganz lustig, wenn die Realität nicht genau so aussähe.. Meine Hoffnung auf eine wieder optimistischere Zukunft der Kirche besteht darin, dass fortwährend und überall junge Menschen mit religiösem "Talent" und mit geistlicher Sehnsucht heranwachsen. So wird es immer wieder trotz aller sækularen Gegenbewegungen gläubige Menschen geben, die diese negativen Kräften kraftvoll widerstehen und sie mit der Hilfe des Heiligen Geistes überwinden können!

Le Penseur hat gesagt…

@ Laurentius Rhenanius:

(Danke übrigens für Ihr höchst informatives und "süffig" zu lesendes Posting auf meinem Blog!)

Nun, ich fürchte, ich muß mich bei Ihnen etwas unbeliebter machen als Sie es bei mir sind (was nicht heißen soll, Sie wären bei mir unbeliebt — aber es gibt leider keinen "absoluten Komparativ" im Deutschen, obwohl er manchmal, jetzt z.B., durchaus dienlich wäre ... aber das nur nebenbei)

Vorausgeschickt: mein Wissen um die Kirche und ihre Glaubensüberzeugungen ist (für einen Nicht-Geistlichen — "Laie" wäre zwar richtig, aber mehrdeutig) durchaus ansehnlich. Ich weiß mit ziemlicher Sicherheit (nahezu, okay, bescheiden bleiben ;-) all das, was als definierte Lehre "de fide" zu glauben ist, und noch einiges mehr. Insofern bin ich natürlich in einer anderen Position als Gagarin & Co.

Was aber nicht heißt, daß ich das alles deshalb auch glauben würde. In Umkehr eines alten Spruchs würde ich sagen: "Wissen heißt nicht glauben" ...

Ihr Verweis auf Nietzsche ist natürlich völlig zutreffend. Ich habe ihn nach meiner Jugendzeit (als ich mit 14 den Zarathustra las und "hin und weg war" — naja, vierzehn und noch keine Freundin. Das war damals noch nicht so locker ...) für einen zwar total verrückten, aber genialen Diagnostiker gehalten, aber für einen völligen Versager als Therapeut. Und daß (nicht nur in seinen letzten Werken, da ist es ja unübersehbar) manche seiner Sprüche einfach von Wahnsinn umweht sind, kann auch nur ein Bildungsphilister bestreiten, der einen Kotauknopf vor kanonisierter Größe eingebaut hat ...

Aber mein Problem mit vielen (nicht allen!) christlichen Glaubensüberzeugungen ist, daß hier ja nicht bloß irgendwas zwar unbeweisbares, aber auch nicht völlig haarsträubend unwahrscheinliches zu glauben verlangt wird, sondern eben Dinge, die kein normaler Mensch außerhalb des Religionsbereiches ohne fassungsloses Kopfschütteln quittieren würde.

Ich will jetzt die ganze Reihe von Gabriel & Jungfrauengeburt bis Himmelfahrt nicht runterbeten — aber da sind so viele geradezu ins Auge springende Unplausibilitäten dabei, daß ich entweder annehmen muß, Gott habe einen seeeeehr eigenartigen Sinn für Humor (Monty Python wäre ein Schmarrn dagegen!), oder das alles ist doch nicht wörtlich zu nehmen und überdies von etwas weniger kritischen Geistern irgendwie kompiliert worden, ohne auf tieferen Sinngehalt überprüft worden zu sein.

Ihre Kritik über Päpstin etc. — ja, da bin ich ganz auf Ihrer Seite. Aber so neckische Dinge, wie die Kindheitsgeschichte von Jesus, oder Wunderberichte wie die Brotvermehrung (die bei Markus irrtümlicherweise gleich zweimal hintereinander leicht variiert erzählt wird, und wo bei der zweiten die Jünger keinen Schimmer haben, was man jetzt denn machen sollte. "Na Brotvermehrung. Hatten wir doch im letzten Kapitel grade!" möchte man ihnen zurufen).

Sorry, aber bevor ich all das glaube, könnte ich auch an die "Päpstin" glauben. Ein trickreiches Weibstück, das ihr Geschlecht über viele Jahre geheimhielt, das gab es nämlich historisch verbürgt tasächlich schon ein paar Mal. Nicht, daß ich glaube, es hätte eine Päpstin gegeben, aber prinzipiell ist gegen die Annahme, es hätte eine solche gegeben nur der eklatante Mangel an einem historischen Nachweis entgegenzuhalten.

Bei Jungfrauengeburten und Auferstehungen hingegen sprechen erhebliche Plausiblitätsgründe (und nicht bloß fehlende beglaubigte Augenzeugenberichte unabhängiger Beobachter) dagegen.

Ich weiß: das werden Sie betreiten. Und ich weiß auch, daß ich Sie mit meinem skeptischen Einwurf nicht überzeugen werde können. Nur gemacht wollte ich ihn haben ... wenn's gestattet ist.