Donnerstag, 12. August 2010

Route der Industriekultur

Als Kind des Ruhrgebietes bin ich es ja gewöhnt, daß jeder alte Flaschenzug, an dem vor 50 Jahren vielleicht mal nen Eimer Eierkohlen ins Dachgeschoß gezogen wurde, zur erhaltenswerten Industriekultur gezählt wird und - bei entsprechender Legende und Aufbereitung derselben - Besucherströme auslösen kann. Während die ältere Generation der Püttologen die Orte, an der sie viel Lebenszeit und nicht selten noch mehr ihrer Gesundheit gelassen hat, verständlicherweise gerne in Parks umgewandelt gesehen hätte (Deckel drauf und Bäume hin!), hat die Generation ihrer Kinder einen anderen Blick für die Zeugen der Vergangenheit.
Sie haben den Sprung aus der engen Zechenwohnung geschafft, sind nicht "auffen Pütt" gegangen. Sie haben dank einer damals noch besser funtionierenden Bildungslandschaft den Sprung in Kontor, Kanzlei, Praxis oder Klassenraum geschafft. Statt nun in den Heimatkirchen der Heiligen Barbara im Gebet dafür zu danken, daß sie die Väter vor dem Tod und sie vor der Arbeit unter Tage bewahrte, pilgert diese säkularisierte Generation zu den sog. "Kathedralen der Arbeit" und bestaunt Laufkatzen, Kohlenwäschen, Doppelbockanlagen und Kühltürme und bannt alles mit der vollmechanischen Spiegelreflex auf hochwertigen ilford pan f Film, natürlich nur schwarz weiß.
Dieser Trend geht natürlich auch nicht ganz spurlos an den Kirchengemeinden vorbei.
Schleppende bis rückläufige Besucherzahlen im Hause des Herrn, sprunghaft explodierende Besucherzahlen auf Zollverein, da kommt manche Pfarrei ins Grübeln, wie man gegen den Trend handeln kann.

Weitab vom Trubel zwischen Gasometer und Zeche Holland hat nun eine Pfarrei im Münsterland, St. Georg in Dülmen-Hiddingsel, kurzerhand einen neuen Stil entwickelt. Bei der Kirchenrenovierung zwischen 1996 und 1998 hat man Akzente im Kirchenraum gesetzt, die nach einer Verlängerung der "Route Industriekultur" bis in diese beschauliche Gemeinde des Münsterlandes schreit!!!
Wie der ausliegende Kirchenführer beschreibt, ist die Innenrenovierung nach "ausführlichen Diskussionen" ausgeführt worden. Warum fällt mir jetzt Martin Mosebach ein? ... Egal!
Die alte Wandbemalung ist weiß übertüncht worden. Somit bekommen die wunderbaren Materialien eine bessere Wirkung.
Was dem Hochaltar passiert sein mag, möchte ich gar nicht so genau wissen. Der Raum, wo er einmal gestanden haben muß, ist jetzt durch ein metallisches Etwas abgetrennt,was mich sehr an die Laufschienen in Schlachthöfen oder automatische Knasttore erinnert.



Die Gitterstäbe sind an manchen Stellen verschiebbar, damit man z.B. an den Tabernakel gelangen kann. Dieser besticht durch das billige Material (gebürsteter Stahl) und seine nichtssagende "Gestaltung". Das Design im Stile eines Sicherungskastens ist die beste Absicherung gegen zu verhindernde Devotionsgefahren, wie z.B. durch betende vielleicht sogar knieend betende Menschen dargestellt wird, wodurch der so nüchterne Raumeindruck für den unvoreingenommenen Besucher doch deutlich gestört werden könnte.



Daneben schiebt sich unter Vermeidung jeglicher Harmonie und Proportion der Zelebrationsklotz mit Pult und klerikaler Ersatzbank.



Zur Verankerung dieser "Neuen Mitte" hat man dann noch einen Stahlkranzleuchter darüber montiert. Durch eine unnötige Vielzahl von Strahlern im Hauptschiff, die an einfachen Strippen hängen, bekommt der Raum den letzten Schlag in Richtung Waschkaue. Die tragenden Säulen dienen in harmonisch abrundender Art als Litfaßsäulen und geben dem ganzen einen dubiosen Hauch von Werkskantine oder Unimensa. Deutet sich hier vielleicht zart, aber auch bestimmt der Generationenkonflikt an, den ich oben schon andeutete?



Beinahe hätte ich bei der Kniebeuge "Glückauf!" gesagt.
Tief beeindruckt von diesem Zeugnis des Willens zur Zeitgemäßheit habe ich den Ort verlassen!

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Tja, das waren noch die goldenen Zeiten des Bistums Münster. Heute wird ein Pfarrer, der seiner Gemeinde einfach so 'nen Hochaltar vor die Nase setzen will, vom Generalvikar höchstpersönlich gestoppt.

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Einfach so ist nicht ganz korrekt, wenn Du den selben Fall meinst. Die Gemeinde wollte schon, bis auf zwei oder drei Gestalten, die dann als unterdrückte Minderheit ganz undemokratisch wurden undden GV eingeschaltet haben.. kann mich aber auch irren.

Stanislaus hat gesagt…

Neinnein, für das Bistum war das ganz klar über die Köpfe der Gemeinde hinweg. Diejenigen, die das wollten, wurden vom Pfarrer instrumentalisiert.

Wäre ja noch schöner, wenn plötzlich die Gemeinde einen Hochaltar will!

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Genau!
Der hat alle mit Weihrauch "high gemacht" und wer nicht zustimmte, der wurde von den Todestrahlen des Dr. Marbuse niedergestreckt!
Klar!
Ja sicher!
So muß das wohl gewesen sein!

Alipius hat gesagt…

Wie können die denn die schönen Säulen so zukleistern? (Zum Rest schweige ich dann mal diplomatisch...)

Anonym hat gesagt…

Wie schon weiland Göthen meinte: "Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters" (o.ä.)
Und wenn dann mal vielleicht all die Gestalterinnen und Gestalter weg sind vom Fenster, bleibt ihr Gestaltetes noch lange Zeit erhalten, erzieherisch wirksam und denkmalgeschützt.
thysus

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

"erzieherisch wirksam" ich bin sonst kein Freund von Revanchismus, aber bei solchen Verunstaltungen hoffe ich immer, daß solchen Interieurs das gleich Schicksal beschieden sein wird, wie manchem (neu)gotischen Altar in der Vergangenheit:
Bevor der Denkmalschutz seine rettende Hand ausstrecken kann, sind die Schienen schon seit 20 Jahren abgebrochen und durch eine Rekonstruktion des originalen Altars ersetzt worden.