Freitag, 20. August 2010

Ein Zitat

von Martin Mosebach aus dem Interview in "The European" aus dem April:

"Was gibt es Wichtigeres als die Liturgie für die Kirche? Die Liturgie ist der Körper der Kirche, die Liturgie ist der sichtbar gemachte Glaube. Wenn die Liturgie erkrankt, erkrankt die ganze Kirche – das ist keine bloße These, sondern eine Beschreibung der gegenwärtigen Situation. Man kann es nicht krass genug darstellen: Die Krise der Kirche hat es möglich gemacht, dass ihr größter Schatz, ihr Arkanum, aus ihrem Zentrum an die Peripherie gespült wurde."



Bei Alipius fand ich heute einen ebenso spannenden Hinweis auf ein Interview mit Msgr. Domenico Bartolucci, dem ehemaligen Chormeister der Sixtinischen Kapelle.
Ein weiser 93jähriger Kirchenmusiker spricht über die Reförmchen und die Reformen der Liturgie seit Pius XII. und zeigt deutlich die Fraglichkeit jener Änderungen auf. Beim Lesen des gesamten Interviews und auch bei den Reaktionen im Kommentarbereich bei Alipius ist mir eines noch einmal deutlich geworden. Wir haben es offensichtlich verlernt, den Alten und Weisen zuzuhören und davon zu lernen. Während in Fantasy-Romanen und -Filmen den klugen, alten weisen Druiden und Geschichtenerzählern eine wichtige Funktion bei der Ausbildung der jungen Heldinnen und Helden zukommt, sind wir darauf getrimmt worden, unsere eigene Position selbst zu finden und zu behaupten. Das Erzählen aus dem Schatz der eigenen Lebenserfahrung als Bereicherung für das eigene Leben und als Hilfe zur Entscheidungsfindung ist vollkommen weg. Das ist nicht nur durch das Schweigen der kriegstraumatisierten Überlebenden des WK II bedingt. Es sind auch die "jungen Alten", die nicht mehr alt und klug werden wollen, sondern -for ever young- noch mit 70 nen Tauchkurs in der DomRep machen müssen. Wer hat heute noch eine marmeladenkochende Oma mit viel Zeit zum Erzählen oder den rosenschneidenden Opa der gerne zuhört?
Ich hatte sie und bin sehr froh und dankbar darüber. Daneben gab es noch ein paar Großtanten und Großonkels, Urgroßmütter, Urgroßonkels, die ich alle noch kennen und lieben lernen durfte. Es wurde gerne und auch viel in unserer Familie gefeiert und so kam die Familie auch häufig zusammen. Ich hatte das große Glück und Privileg, nicht nur einen Weisen am Lagerfeuer zu haben, sondern eine ganze Reihe von lebensklugen Persönlichkeiten, die zwischen Nachmittagskaffee und mitternächtlicher Zigarrenpafferei munter erzählten.
Ich habe dort so manches auch immer wieder gehört. Diese Geschichten haben sich dann auch gesetzt und haben eine Art Grundausrüstung für alles, was danach bisher so gekommen ist, gebildet. Ich hätte mir auch manche unnütze Erfahrung ersparen können, wenn ich mir den einen oder anderen Ratschlag mehr zu Herzen genommen hätte. Mit großer Dankbarkeit schaue ich auf diese zeit zurück und bewahre sie als großen Schatz in Hirn und Herz.
Dieser Ausfall besteht aber nicht nur in den Familien. Er besteht auch in der Kirche. Der Ausfall solcher Autoritäten prägt auch leider unser Kirche. Es fehlt an Persönlichkeiten wie Domenico Bartolucci, die sich nicht als Hauptdarsteller in eigener Sache verstehen sondern wie er als Bewahrer und Hüter eines Wissens, das nicht angelernt und selbstbehauptet ist. Es steht im besten Sinne des Wortes mitten im Strom einer Tradition, an dem auch manche Flüchtigkeit im Pontifikat Pius XII wie ein störender Fels im Flußbett deutlich hervortritt und auch benannt wird.
Aber hat eine solche Stimme noch Gewicht? Wird ihm zugehört?
In Rom ganz offenischtlich. In Deutschland eher weniger!
Ein Land, das nur auf Innovation und Jugendlichkeit setzt, wird darin nur eine Stimme von vorgestern wahrnehmen und nicht eine Handlungsoption für die Zukunft.
Hier gilt der (nicht immer) neueste Forschungsstand. Dieser muß erst einmal gekannt und anerkannt sein. Wer das nicht leistet, leistet sich einen unverzeihlichen Fehler und verspielt sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Und außerdem stehen dieser Lebenserfahrung ja die gefüllten Regalmeter der deutschen Liturgiewissenschaft gegenüber. Das kann so nicht richtig sein, weil x dazu geschrieben hat und y auch degegen ist. Hier gilt die am Schreibtisch gewagte These mal wieder schwerer als die Lebenserfahnrung eines 93jährigen Ausnahmemusikers und Vollblutklerikers.
Jeder ein kleiner Inquisitor, Müntzer und oder Luther in eigener Sache. Und wenn es nicht paßt? Pech für die Kirche! Soll sie sich doch gefälligst ändern wie Tchibo: Jede Woche eine neue Welt!
Typisch deutsch zählt die eigene taschenpäpstliche Einbildung mehr als die Ein-bildung der Materia der Kirche in die Forma Christi.
...
Msgr. Bartoluccis Interview ist ein weiterer Beleg dafür, wie sehr uns diese "Erzähltradition" in der Kirche fehlt.

Als ich diese Interview gelesen habe, kam mir eine Anekdote aus meiner Kindheit wieder ins Gedächtnis.
Mein Opa und einer seiner Nachbarn (beide seit ihrer Kindheit mit Garten, Gewächshäusern etc. bekannt) wurden vom Schwiegersohn eines anderen Nachbarn (beide (Nachbar wie Schiegersohn) nicht gerade für einen grünen Daumen bekannt), der vor einigen Wochen "eine Laube" (sprich Garten) gepachtet hatte, im Garten hinter dem Haus mit seinem angelesenen Wissen zugequasselt.
Oma saß am Tisch und war dabei, "den zweiten Eimer Kirschen zu entsteinen". (ich finde den Satz immer noch wunderbar komisch!)

Ach wie machen sie das denn? Soviel ich weiß muß man aber...

Das heißt aber Liebstöckel und nicht Maggikraut...
und so weiter.

Mein Opa harkte unbeirrt weiter und ließ den Redeschwall einfach über sich ergehen. Die ausgegangene Zigarre bekam wieder Feuer.
Paff, paff, hark, hark.
ach so, jaja..paff, paff
Endlich war er weg.
Harke in die Ecke gestellt, hingesetzt.
Sein Nachbar reicht ihm ne Flasche Bier und sagt:"Weiße, wenne keinen Kopp hass, sollse auch besser nich aussem Fenster kucken!"
Opa:"Keine Ahnung aber nen Rundschnitt!"
Will sagen:
Nicht theoretisieren, sondern Radieschen ernten!

auf katholisch:
Nicht als Nichtsänger über den Sinn von Gesangbuchleidern referieren, sondern erst einmal singen lernen!

In diesem Sinne:
Kommt der Sonntagspflicht brav nach und einen schönen Frühschoppen Euch allen!

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

In der Tat gibt es einige alte Leute, denen ich wirklich viel Respekt zolle: Domenico Bartolucci, Heino Schubert, Bernhard Terschluse etc.

Aber da gibt es bei den älteren auch Leute wie Uta Ranke-Heinemann, Hans Küng oder Hermann Häring ...

Ne, so ganz möchte ich mich auf die Erzähltradition nicht verlassen.

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Neben der Erzähltradition gibt es ja nun auch die lesbare Tradition, also die offizielle Lehre der Kirche. Außerdem habe ich damit nicht sagen wollen, daß das Alter gleichbedeutend mit Weisheit ist.
Jetzt sei doch mal nen Moment praktisch:
Hättest Du einer alten Tante im knatschenden und knatschgrünen Lederkostüm, dieser Frisur und diesem Gezappel eine einzige Geschichte geglaubt oder ohne innere Abwehr ein Bonbon von der angenommen?
Neeeee, niemals! Für sowas hat man als Kind nen Gespür!