Mittwoch, 16. Juni 2010

Nihil novi sub sole!

Meine momentane Abendlektüre ist die "Apologia pro vita sua" des bald offiziell Seligen John Henry Card. Newman. In ihr verteidigt er seinen Weg aus der anglikanischen Kirche, über seine Theorie der "via media", den Verlust der theologischen Grundlagen für diese Annahme und seinen Weg hin zum römischen Katholizismus. Es ist ein schwieriger Weg, ein einsamer Weg, ohne Groll, ohne emotionale Unausgewogenheiten seinerseits. Es ist ein Weg tiefer innerer Erkenntnis, Klärung und Wahrheitsfindung. Das bedeutet jedoch nicht, daß um ihn herum nicht das pralle Leben tobt, so wie wir es auch nur zu gut kennen. Er stellt Fragen, gibt seinen Bedenken in Predigten und Schriften Platz. Das Ganze passiert sine ira et studio, freundlich, rücksichtsvoll und voller Verantwortung. Mancher teilt seine Bedenken. Es entsteht so etwas wie ein breiterer Strom. Er will niemandem schaden, besonders nicht seiner Kirche und zieht sich aus der lauter werdenden Öffentlichkeit zurück in die Pfarrseelsorge. Die Presse, mittlerweile ohnehin auf ihn eingeschossen, weil er sich aus theologischen Gründen gegen manche Entwicklung des Zeitgeistes stellte, wird damit zu einer vollkommen dubiosen Gestalt. Bischöfe stellen sich gegen ihn. Studenten schliessen sich diesen an.
Als bekannt wird, daß er in seiner Landpfarrei ein neues Haus baut (es gab keine Vicary in dem Ort), kochen die Gerüchte über. Newman baut ein katholisches Kloster. Als er eines Tages in sein Haus kommt, trifft er dort auf Horden von Studenten, Vorsteher der Colleges etc., die sich ungebeten in seinem Haus umsehen. Man will ja schließlich wissen, wo man nun bei Newman so ist! Sein Privatleben wird in die Öffentlichkeit getragen. Verleumdungen werden in den Zeitungen gedruckt. Skandal!
An einem Punkt unterscheidet sich diese Geschichte von den Geschichten unserer Tage, es ist die Haltung seines Bischofs, die sich in einem Brief nach dieser Affäre ausdrückt:

"12. April 1842. Von den in den öffentlichen Zeitungen gegen Sie und Ihre Freunde enthaltenen Anklagen waren, wie ich wußte, so viele falsch und verleumderisch, dass ich den Zeitungsberichten über Sie nicht viel Beachtung schenken kann." (268)

Na, das waren noch Zeiten!

Es geht aber noch weiter:
... "Doch glaube ich meiner Diözese, mir selbst und auch Ihnen gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, wenn ich Sie bitte, mich zu ermächtigen, dem zu widersprechen, was unwidersprochen den Anschein erwecken könnte, als ob Sie einen offenbaren Eingriff in die kirchliche Disziplin begehen wollten, und als ob ich mich einer unverzeihlichen Pflichtvergessenheit und Gleichgültigkeit schuldig mache." (269)

That's the style!

Welch ein Umgang untereinander!
Welch ein Denken für die Kirche!
Welch ein Umgang mit der Öffentlichkeit!
Mit einem Wort: distinguiert!

Es ist selten geworden, sehr selten...

1 Kommentar:

Eugenie Roth hat gesagt…

... und das senden Sie bitte ungekürzt an die Dt. Bischofskonferenz. DANKE