Sonntag, 3. Januar 2010

Unschuldige Kinder, Weihnachten überhaupt und sowieso

Die Weihnachtsfeierlichkeiten sind überstanden. Die Familientreffen sind absolviert. Die Reste der "bunten Teller" trocknen gemeinsam mit dem Christbaum langsam vor sich hin. So manche Krippe ist besucht worden. Neben sehr schönen Exemplaren ist mir auch so manches verunglückte Experiment untergekommen. Eine namhafte Seesadt am nördlichen Rande des Ruhrgebietes bietet in der Pfarrkirche am Markt eine merkwürdige Scheußlichkeit. In einem der Querhäuser sind Folien aufgehängt, die mit naiv gemalten Kinderbuchmotiven bedruckt sind. Was genau dargestellt werden soll, ist erst durch ausliegende Zettelchen erschließbar, welche den ganzen Krempel mit Sinngehalt aufheizen sollen, was bei mir leider nicht verfangen hat. Die Krippe selbst steht nicht auf der Erde, sondern ist in einem Stern mitten in der Folie. Der Messias ist nicht in einem Stahl am Rande des Ortes zur Welt gekommen, sondern schwebend über der Stadt, inkl. schwebendem Hornvieh. Das ganze wirkt wie ein billiger Azwenzkalender aus nem Discounter, an dem das Fenster No. 24 keine Schokolade sondern einen skurillen Meisenknödel anhalten hat. Theologischer Blödsinn in billiger Darstellung. Herbert Knebel hätte dazu gesagt: Ja nee, Geschmack is Bandbreite! ...arme Seestadt!
Es gibt Wege, die lohnen sich einfach nicht!
Die Urlaubstage sind vorbei und der berufliche Alltag bricht ab morgen wieder über mich ein.
Ein Blick in die gerne gelesenen Weblogs führte mich zu Mater amata und den Einträgen Beschneidung des Herrn und zum Tag der Unschuldigen Kinder. Dort las ich den einführenden Text aus dem guten alten Schott, den ich schon so oft gelesen habe. Ein anderer Zusammenhang, nicht das gewohnt Buch und die gewohnte Seite und schon öffnet der Text eine Tür zu neuen Gedanken.
"Wir ziehen im Geiste nach St. Paul vor die Mauern Roms hinaus, wo Reliquien der heiligen Unschuldigen Kinder verehrt werden. Selbst unmündige Kinder legen für die Ankunft und für das Erlöserwirken Christi Zeugnis ab; freudig anerkennen und bekräftigen wir dies Zeugnis (Introitus). Mit den aus reinster Gnade den Schlingen des Bösen entrissenen Kindern fühlt die ganze Kirche und fühlen wir glaubend und dankend die Wahrheit der gnadenvollen ersten Ankunft Christi (Graduale, Halleluja), die durch den Kindermord in der ganzen Umgegend von Betlehem bekannt wird (Evangelium). Mit den sich im Sterben für Christus opfernden Unschuldigen Kindern entziehen auch wir uns in ernstem Operwillen den Schlingen der Welt, Satans und des Fleisches (Offertorium).
 Die Kirchenfarbe ist heute Violett (an Sonntagen Rot) die Farbe des Kummers und der Betrübnis; die Kirche fühlt gleichsam den Schmerz der betlehemitischen Mütter nach, die ihre Kinder verloren haben. Deshalb versagt sie sich auch das Gloria, das sonst der Weihnachtszeit zu eigen ist."
 
Danach sinniert Johannes über die Geheimnisse des N O.
Mich überfiel eine ganz andere Frage:
Wie konnte es überhaupt dazu kommen?
Wie konnte ein Kirchenvolk, dem doch so gute Informationsquellen zur Liturgie zur Verfügung standen, das liturgisch gebildet gewesen sein müßte, sich so von dieser Welle der Zerstörung mitreißen lassen?
Wie sah es wohl um die Frömmigkeit wirklich aus? Wie unfromm muß man sein, wie wenig geistlich gefestigt, wie wenig hat diese Generation mit und in der Kirche gelebt, wenn ein solcher Abbruch, wenn ein solcher Verlust als Fortschritt und Befreiung und nicht als Zerstörung erfahren wird?
Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt lächerlich zu machen, will ich doch die Gendanken hier einmal grob ausziehen, die mich umtreiben. Es ist ein grobes Raster von Indizien und Anhaltspunkten aus entsprechender Fachliteratur aber keine wissenschaftliche Arbeit. 
Je länger und je mehr mich diese Frage bschäftigt, umso mehr scheint sich diese Krise historisch nach hinten zu verlängern. An den Änderungen unter Pius XII. weiter zurück bis in die Zeit Napoleons I und zuvor Joseph II. Die Reformliturgien jener Zeit, die Ansätze zur "Verlandessprachlichung" der Liturgien zu Beginn des 19.Jh. und die pädagogisierten "aufklärerischen" Beerdigungsagenden jener Zeit, in denen der Priester zum "Entmythologisierer" mutiert und zur Versachlichung des hygienisch nötigen Aktes der Bestattung beiträgt. Hier lassen sich schon der Verlust der Transzendenz, des Gerichtes und der Auferstehungshoffnung hin zu einer rein zwischenmenschlichen Tröstung beobachten. Liturgie als Vehikel der Erziehung der unmündigen Deppen im Sinne der Staatsraison oder freiheitlich gesinnter Kreise, jedoch icht im Sinne der Kirche und ihrer Lehre! Banalisierung der Botschaft und Regionalisierung des Kirchenwesens auf Kosten des Evangeliums und auf Kosten der Stellung des Heiligen Vaters und der Gesamtkirche als bindende Macht. Rechnen wir dann die Wirkung der antikirchlichen Propaganda jeglicher Couleur seit der franz. Revolution dazu (man betrachte nur die Karrikaturen, die bei der Auflösung der geistlichen Gebiete unter das Volk geworfen wurden, um entsprechende Stimmungen zu schüren), dann braucht es kaum noch protestantische Einflüsse, um diese Mentalität zu erklären. Das haben wir allein hingekriegt! 
Der Schott erscheint mir danach nicht als ein Beispiel für die gute liturgische Bildung in deutschen Landen. Er erscheint mir immer mehr als Exponent einer kleinen Schar von Aufrechten in einem Heer von  mittelmäßig Uninteressierten.
Froh machen mich diese Gedanken nicht, helfen mir aber beim Umgang mit dem Gegebenen.
Es ist halt semper idem! 
Besonders schlimm ist dieser Eindruck für mich nach dem Gottesdienstmarathon über Weihnachten.
Die Unfähigkeit zur Liturgie, der Zwang zum Rumgestalten, anbiedernde Predigten (Inhalt: Seid doch wenigsten zu Weihnachten friedlich, wenn die Familie zusammenkommt) und Lieder, Lieder, Lieder! 
Ich leide an akuter liturgischer Unterversorgung! Wenn man dann als Ehrenämtler noch den Kopf für die organisatorische Unfähigkeit gewisser Hauptamtler hinhalten muß und dann noch bei den Betroffenen grundlos als Schuldiger hingestellt wird und "klärende Gespräche" führen muß, weil der entsprechende Hauptämtler sich feige verdrückt, und die entsprechenden Abkühlungsphasen, die dann die häusliche Stimmung über Stunden grundlos beeinträchtigt haben...tja, dann kommt wahre Festfreude auf! 
Es gibt Momente großer und tiefer Einsamkeit!
Die Messen zum Weihnachtsfest 2009 gehören mit unter die Top 10 der bisher erreichten binnenkirchlichen Diaspora-Gefühle!
Das rheinische Gemüt in mir verliert nach solchen Tagen an Schwung und alles Cholerische Gebrülle weicht vor einer tiefen und traurigen Sprachlosigkeit eingeschüchtert zurück, die der Sünde der Melancholie sehr nahe kommt.
Es bleibt eine tiefe, quasi romantische Sehnsucht nach etwas, was sich bei C.D. Friedrich, den Nazarenern, den Meistern der (neuen) Gotik (wie Pugin) vielleicht ausgesprochen hat, die Sehnsucht nach dem Heilen und Perfekten. Es ist die Sehnsucht nach einer Liturgie, die ganz zur Ehre Gottes geschieht und dadurch den Menschen zur Hilfe wird. Es ist die Sehnsucht danach, diese nicht nur an bestimmten wenigen Orten erleben zu können, sondern an jedem Ort, egal wie widrig oder günstig die Umstände auch sein mögen, reduziert auf das Wesentliche oder in aller Pomp und Glorie! 
So habe ich das Konzil verstanden, das von Trient meine ich!
 
Es gibt Tage, da frage ich mich ernsthaft, warum ich mir das alles antue, meine Herzkranzgefäße und meinen Blutdruck ruiniere und meine ohnehin knappe Freizeit  mit so etwas verbringe! 
Meine Vorsätze für das Kalenderjahr 2010:
Ich habe wieder mit dem Training begonnen und tue nun wieder etwas für meine körperliche Gesundheit. Also damit habe ich schon im Dezember angefangen und es tut mir sehr gut!
Mein Engagement in der Gemeinde ist ein Fall der rheinischen Mystik: mystisch wat dran ändern...
 

Die beste Weihnachtsansprache habe ich bei youtube gefunden!


Happy new year, to you all! 

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