Samstag, 5. Dezember 2009

Merkwürdigkeiten vom Donnerstag

In diesem Weblog erzähle ich sonst wenig bis gar nichts aus meinem Alltag. Kirchliches, allzu kirchliches steht im Vordergrund. Der letzte Donnerstag aber war derart verrückt, daß ich hier mal eine Ausnahme mache.
Es fing alles damit an, daß ich den Briefkasten öffnete und neben viel Reklame, dem braunen Umschlag aus der Kölner Geldorpstr, Spendenaufrufen etc. auch einen dickeren Umschlag aus den südlicheren Gefilden unserer Bundesrepublik fand.
Er enthielt das Mitteilungsblatt der Priesterbruderschaft St. Pius X. und einen kopierten Brief von Pater Franz Schmidberger. Darin war zu lesen: " Wir haben Ihre Adresse aus unserem Bekanntenkreis zugesandt bekommen mit der Auskunft, Sie wären eventuell an dieser Zusendung interessiert..."
Seither quält mich die Frage, wer aus meinem Bekanntenkreis hat da meine Adresse weitergegeben?
War es jemand aus der Pfarrei, böswillig mobbend (da gäb es wohl einige KandidatInnen) oder wohlmeinend?
War das ein Scherz, ähnlich dem Scherz, bei dem irgendein Spaßvogel mir mal nen Katalog eines Flensburger Unternehmens hatte zukommen lassen?
Mal sehen! Ich krieg das schon raus!
Da ich mal frei hatte, las ich das Heftchen kurz an. Nun denn...
Es fehlten noch ein paar Teile fürs Büro. EinVerteilerstecker mit Blitzschutz, ein WLAN-USB Stick und anderer Tüddel für den Rechner. Flugs ins Auto gesetzt und zum nächstliegenden Elektrohändler gesaust.
Als ich bei dem Händler ankam, der nach eigenen Aussagen nur über intelligente Kunden verfügt, war ich doch sehr verwundert, daß man mich dort offensichtlich für blöd verkaufen wollte. Dieselbe Steckerleiste war hier um (Achtung!) 20, in Worten: ZWANZIG Euro günstiger als in einem anderen Laden derselben Kette. Mit diesem unerwartet günstigen Einkauf machte ich mich dann wieder auf den Weg nach Hause.
Wie das so ist: Man kennt die Strecke, fährt sie auch demnetsprechend eher halb dösend oder wie Fachleute sagen in Alltagstrance. Es passiert nichts ungewöhliches. Die Ampeln sind mal grün, aber meistens rot. So stand ich in einem Nachbarort an einer roten Ampel, vor mir ein Wagen der Stadtreinigung dieselte vor sich hin. Und dann auf einmal ein Ereignis von solcher Seltenheit ich habs nicht wirklich kapiert. Eine Person querte die Straße. ein junger Mann,Mitte bis Ende zwanzig, längere schwarze Haare, guter Schnitt, ein durchaus hübsches Gesicht und eine beneidenswert gute Figur, die in eine Modezeitung gepaßt hätte. Der Blick war starr und ziemlich verzweifelt. Irgendwas stimmte mit ihm nicht. Ich hatte das Gefühl, daß sich hier seelische Abgründe und Nöte in den augen zeigten, die furchtbare Ausmasse haben mußten. Komisch, was man in ein paar Sekunden so alles wahrnimmt und was man zwar sieht aber nicht bemerkt. Er verschwand hinter der nächsten Hausecke.
Dann sinterte ein Gedanke durch meinen Kopf, der mir schnell deutlich werden ließ, daß ich nicht ganz wach sein konnte: Typisch! In jeder Aufführung muß ja ein Quotennackter auftreten, sonst sind die Regisseure hier ja nicht zufrieden. Zunächst einmal war ich in einer Nachbarstadt jenes Theaterzentrums des Ruhrgebietes, das über Jahre solche Aufführungen bot. Außerdem saß ich im Auto und nicht im ersten Rang. Es ist Dezember, es regnet und Du stehst an der roten Ampel.
Hab ich da gerade einen nackten Mann gesehen?
Nichts um mich herum zeugte von diesem Ereignis, bis auf einen Rentner mit Hund der mit zusammengezogenen Augenbrauen in die Richtung schaute, in der ich diese Erscheinung weggehen gesehen zu haben wähnte. Ortsmitte war wohl sein Ziel.  War da wirklich was gewesen? Bis auf den Rentner gab es sonst keine auffällige Reaktion im Umfeld. Spinne ich jetzt? Wenn der nun aus der nahegelegenen Psychatrie weggelaufen war, brauchte er unbedingt Hilfe. Oder steht hier irgendwo nen Kamerateam? Nach Psychatrie sah der eigentlich weniger aus, dachte ich mir und versuchte gleich ganz schnell alle dämlichen Klischees über das mögliche oder unmögliche Aussehen von Psychatrieinsassen zu beerdigen. War ja auch völlig egal!!! Jeder der im Dezember nackt durch die Gegend läuft, braucht offensichtlich Hilfe.

Mein Handy lag natürlich im Mantel auf der Rückbank (toll!). Also erst mal rechts abbiegen und Parkplatz suchen. Als ich um die Ecke fuhr, sah ich, daß ich nicht geträumt hatte.
Nur was konnte ich tun? Retzungsdienst verständigen? Polizei? Polizei! Mir fiel sonst nichts ein. Eine gewisse Hilflosigkeit machte sich breit:::
Angehalten, ausgestiegen, Handy im Mantel gesucht. Dann fiel mir plötzlich ein VW Beatle auf, der über die Kreuzung geschlichen kam. Die junge Fahrerin zuckelte mit Schrittgeschwindigkeit hinter dem frostfreien Spaziergänger her, das Handy am Ohr. Ein paar Handzeichen und es war klar, daß sie schon entsprechende Hilfskräfte alamiert hatte und per Handy den Weg beschrieb. Ich konnte mir also einen Anruf sparen. Kaum saß ich pläddernaß im Auto war der Mensch in der nächsten Straße verschwunden, der Beatle folgte. Wenden an der Kreuzung rechts, ab nach Hause. Kaum war ich wieder auf der Route nach Hause, raste ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Lalülala in Richtung Barfüßer. Ich wünschte mir manchmal, die Polizei wäre bei Einbrüchen, Verkehrsunfällen, etc. genauso schnell und mit solchem äußeren Getue und mit solcher Schnelligkeit unterwegs. Wer schon mal so wie ich über eine halbe Stunde auf die Polizei gewartet hat und zwar keine 200m von der Wache entfernt, der weiß was ich damit meine.
Ein merkwürdiger Tag!
Mich beschäftigt, wie ja diese Zeilen zeigen, diese Begegnung noch immer. Dieser starre verzweifelte Blick ist mir sehr im Gedächtnis geblieben, ebenso wie meine offensihthliche Hilflosigkeit, mit dieser Situation noch anders umzugehen, als zum Telephon greifen zu wollen. Ich habe ihn in meine Gebete eingeschlossen. Hoffentlich findet er die professionelle Hilfe, die er braucht. Und hoffentlich ändert sich sein Blick wieder in Richtung Fröhlichkeit und Zuversicht.

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