Dienstag, 8. September 2009

Ich hab so Heimweh nach der Bonner Republik!

Vorgestern wurde der Waschzettel der DBK zur Bundestagswahl in vielen katholische Pfarreien unseres vereinigten Vaterlandes verlesen und ersparte so vielen Priestern die Auslegung des Evangeliums unseres Herrn und Heilandes. Da ich es aufgrund einer aktuellen und gefährlich niedrigen Frustrationstoleranz in liturgischen Belangen vermieden habe, einem der ortsüblichen, familienorienterten Hochämtern beizuwohnen, ist mir diese homiletische Ersatzhandlung erspart geblieben. Nach einigen verstörten Berichten in der wachsenden Blogoezese hab ich es mir höchstselbst heruntergeladen und gelesen.
"politisch-korrekte Grüße aus einem heiteren Paralleluniversum" könnte ein treffender Titel für den Inhalt sein, wenn man etwas Abfälliges formulieren wollte.
Bloß keine eindeutig kritische Aussage machen! Wunderbar ausgewogen!
Nach der Lekture frage ich mich allen Ernstes:
Wovor haben die eigentlich Angst? Ist denen alles egal? Wollen sie mal wieder keinen verprellen?
Das Problem liegt aber woanders und es ist, so glaube, ich viel schlimmer.
Die wirtschaftsliberalisierte, verkohlte und protestantisch-vermerkelte CDU ist für einen Katholiken kaum noch wählbar, wenn er sich auch nur ansatzweise an die Grundfesten der katholischen Soziallehre erinnern will! Von der Morallehre schweige ich lieber vollkommen! Ich erinnere nur an die unglaublichen Attacken auf den Heiligen Vater zu Beginn des Jahres 2009: Schlecht informiert, bis weit über den Rand der völligen Ahnungslosigkeit, aber medienwirksam hat unsere Perle aus der Uckermark den Papst abgemahnt. Natürlich nur in den Medien!!! wo auch sonst? Wie sich im Nachhinein herausstellte, hatte sie ja nicht den Kontakt zu Benedikt XVI. gesucht, sondern ihre Schelte nur in die Kameras gesprochen. Es ist vielleicht von einer protestantischen Pastorentochter auch zu viel verlangt, mit dem römischen Machthaber einer offensichtlich fundamentalistischen Religionsgruppe in einer solchen Affaire ein Gespräch zu führen und sich mal gegen die Brandung einer verirrten Presse und fanatisierter Papstgegner zu stellen oder?
Es hätte ja auch mal anders kommen können:
Die Kanzlerin läßt sich über die Hintergründe der ganzen Aufregung vom deutschen Papst persönlich aufklären. Sie gibt daraufhin eine Pressekonferenz, in der sie sich als Protestantin schützend vor den Papst stellt, lädt den Nuntius demonstrativ zu einem Abendessen ein und entschuldigt sich für den schlechten Journalismus, der lieber auflagenträchtig Emotionen schürt als Fakten zu recherchieren. Das wäre doch mal was gewesen! Nein, so ist es aber leider nicht gekommen. Alles ist mal wieder zielgruppenorientiert verarbeitet worden, nicht im Sinne der Wahrheitsfindung sondern im Namen des Umsatzes und möglicherweise steigender Umfragewerte.
Was ich damit sagen will, ist Folgendes:
Das Hirtenwort zur Bundestagswahl ist beredter Ausdruck für das "katholische Vakuum" in der Parteienlandschaft der 2. Berliner Republik und den fehlenden Mut der DBK dies auch deutlich zu benennen. Es fehlt eine ernsthafte und profiliert katholische Alternative! Wer sich über den traurigen Zustand der ehemals katholischen Deutschen Zentrumspartei informieren möchte, dem genügt ein Blick in den Eintrag bei wikipedia: Kein katholisches Profil, versuchte Zusammenschlüsse mit der evangelikalen PBC und Vorstandsmitglieder aus der durchgedrehten Hamburger Schill-Partei prägen hier die jüngste Vergangenheit.
Der Hirtenbrief ist auch Ausdruck der Hilflosigkeit gegenüber der Errosion des gesellschaftlichen Konsenses und gegenüber dem fragwürdigen Zustand der Demokratie im wiedervereinigten Deutschland des Jahres 2009.
Für alle, die Kontraste mögen, habe ich zwei hochinteressante Links.
Beide führen zu pdf-Dateien auf der Homepage der DBK:
Das Hirtenwort zur Bundestagswahl 2009
Das Hirtenwort zur Bundestagswahl 1980
Da war noch Zug in der Truppe!
Meine Güte, 1980! Helmut Schmidt, Josef Ertl, Herbert Wehner, Franz Josef Strauß,...
Wenn ich aus der Schule nach Hause kam, dann lief das Radio in der Küche oder der Fernseher im Wohnzimmer. Die Debatten aus dem Bundestag liefen in der ganzen Nachbarschaft, sogar in den Schrebergärten! Jeder in der Familie war interessiert und wußte auch ziemlich genau, worum es ging! Die Debatten gingen beim Abendessen und auf den Familienfeiern weiter. Politikverdrossenheit war ein noch nicht erfundenes Wort.

Wir leben in der talkshow-republik berlin2.
Keiner ist damit zufrieden, aber fast überall läuft am Sonntag Anne Will in der Flimmerkiste!
Statt der Bundestagsdebatten dudeln verblödende Sitcoms auf allen Kanälen den Menschen die müden Köpfe voll!
Ich hab kein Heimweh nach dem Kurfürstendamm und werde es sicherlich nie entwickeln.
Aber nach der guten, alten Bonner Republik, mit kantigen Politikern, spannenden Bundestagsdebatten, wo es noch um Überzeugungsarbeit zum Wohl des Landes und der Bürger ging, nach der sehne ich mich zurück und ich glaube die deutschen Bischöfe tun das auch.

Kommentare:

Vox Coelestis ...................... hat gesagt…

Vielen Dank für diesen Eintrag, der mir weitgehend aus dem Herzen spricht, und für den Link zum Hirtenwort von 1980: Welche verhältnismäßige Klarheit damals, welches erbärmliche Gewäsch heute: Tatsächlich scheinen auch die Bischöfe auf in den Niederungen der Berliner Republik umfänglich angekommen.

Nur ein Widerspruch: Ob Bonn oder Berlin ... ich glaube nicht, daß sich heute ein großer Unterschied ergeben würde.

Stanislaus hat gesagt…

Das glaube ich - in der Tat - auch nicht.

Bei "Josef Ertl" habe ich einen kurzen Schreck bekommen ...

Acolythus hat gesagt…

Wenn ich zwischen Bonn und und Berlin unterscheide und mich nostalgisch in Richtung Bonn wende, so geschieht das nicht nur aus dem Grund, weil mir das zutiefst rheinische Bonn (Bundeshauptstadt ohne nenneswertes Nachtleben) näher liegt als die Metropole in der "märkischen Streusandbüchse". Es geht mir ebenso um den damalige politische Kultur, die mir heute so schmerzlich fehlt. Die Zeiten sind vorbei. Von daher sehe ich kaum einen Widerspruch zwischen unseren Positionen.

Acolythus hat gesagt…

Josef Ertl war zwar nicht sehr gehaltvoll in seinen Beiträgen, aber immer sehr unterhaltsam.

Stanislaus hat gesagt…

Das ist sein alter ego ja heute auch nicht.

Acolythus hat gesagt…

Wen meinst Du den damit?

Stanislaus hat gesagt…

Jetzt bin ich aber enttäuscht von Dir:

http://blog.ertl-media.at/

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Ich meinte folgenden Josef Ertl (1925-2000) ehem. Bundesminister für Ernährung, LAndwirtschaft und Forsten
http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Ertl