Freitag, 10. Juli 2009

Backsteingotik und Zukunftskonzepte

Als Bewohner der "gebrauchten Bundesländer" habe ich mich zwecks Sommerfrische auf den Weg nach "Neufünfland" gemacht. Nach einem Abstecher in die Stadt Leipzig ging es weiter an die Küste Ostvorpommerns. Wie üblich habe ich alle möglichen Kirchen und Klöster abgeklappert, die am Weg lagen. Ein diesbezüglicher Höhepunkt war sicherlich der Besuch der Klosterruine Eldena bei Greifswald, eine der Hauptinspiriationsorte des von mir hoch verehrten Malers Caspar David Friedrich.
Der Zustand der Stadt- und Dorfkirchen der Region ist in der Regel katastrophal. Nicht nur Krieg und vierzig Jahre atheistischer Sozialismus haben hier tiefe Spuren hinterlassen. Verfallende Altäre, unspielbare historische Orgeln, abgestellte Glocken sind die Regel und nicht eine Ausnahme. Geld aus den Töpfen finanzstarker Denkmalschutzorganisationen ist hier bisher wenig angekommen. Die finanziell nahezu ruinierte Landeskirche ( seit einiger Zeit mit der ebenso insolvenzverdächtigen luth. Kirche Nordelbiens fusioniert) hat nicht nur zu wenig Geld, sie setzt es auch noch skandalös schlecht ein.
Ein Beispiel: Anklam
Die alte Stadt hat im WK II einige böse Treffer abbekommen. Die Schneisen im Stadtbild sind an der Auffüllung durch realexistierende Plattenbauten erkennbar. Es gibt viel wunderschöne alte Bausubstanz, zum Teil liebevoll restauriert. Die Stadt beherbergt u.a. zwei wunderschöne gotische Kirchen: St. Marien und St Nikolai. Während Marien unbeschadet über die Zeiten kam, wurde Nikolai im Krieg schwer zerstört. Der Turm verlor seinen hölzernen Helm, das Gewölbe des Schiffes wurde zerstört, nur die Außenmauern bleiben stehen. Nach zwölf Jahren GröFaZ und vierzig Jahren Ulbricht & Co war nun die Frage: Wat nu?
Die Stadtbevölkerung gründlich entkirchlicht und zwei große Gebäude an den Hacken!
1994 wurden die entsprechenden Entscheidungen getroffen.
St. Marien bleibt irgendwie Kirche, wird aber selten genutzt. Sie ist bis heute auch für Besucher nicht zugänglich und wird selten zu Gottesdiensten genutzt, da sie groß ist, und im Winter nicht beheizbar ist. St. Nikolai... Abriß der einsturzgefährdeten Ruine oder Umnutzung.
Daraufhin bildete sich eine Art Förderverein, der komplett freie Hand über das Gebäude bekam. Es hagelte Ideen und die Rettung kam nicht vom HeRRn sondern soll durch den angeblich zugkräftigen Namen eines Mannes kommen, der in dieser Kirche mal getauft worden ist: Otto Lilienthal. Als ich mich gerade über das Bauschild, das Projekt als solches und den Umgang mit der Kirche im Besonderen aufregte, kam ein wichtig wirkender Mensch auf uns zu. Ich hielt ihn erst für einen Angestellten des Ordnungsamtes (Wir hatten die Parkzeit schon überschritten!). Er mischte sich lächelnd in das Gespräch zwischen mir und meiner Gattin ein. "Ich hörte da gerade den Begriff "Vision"? Was halten Sie denn von unserer Vision für Nicolai?"
Ganz schlechter Einstieg!
Antwort: "Überhaupt nichts! Ich bin schockiert!"
"Warum?"
"Weil man so mit einem Kirchengebäude, und sei es auch eine Ruine, nicht umgehen kann!"
"Das ist aber keine Kirche mehr!"
"Es ist noch ene Kirche, beschädigt, aber Kirche!"
"Nein!"
"Doch! einmal Gott geweiht, immer Gott geweiht!"
"Die Pommersche Kirche hat den Status einer Kirche aufgehoben!"
"Was von einem katholischen Bischof im Mittelalter Gott geweiht wurde, kann nicht von einem evangelischen Verwaltungsakt für beendet erklärt werden. Das Gebäude ist Gott dediziert worden. Es ist ein Geschenk an ihn! Ich kann doch nicht einfach ein Geschenk zurücknehmen."
"Doch, das geht und wird überall gemacht."
"Allgemeine Praxis ist für mich kein theologisch schlagendes Argument. Auch wenn es gemacht wird: Die "Entweihung" einer Kirche ist Sakrileg! Außerdem widerspricht ein solcher Rückzug auch dem Evangelium. Dort steht: Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium. Mission, Wachstum, Verkündigung sind die Vorgaben unseres Herrn und nicht Rückzug in das bequeme Nest!" (Jetzt war ich richtig in Rage!)
Aber es kam noch schlimmer:
"Wir haben Machbarkeitsstudien anfertigen lassen...!"
Weiter kam er nicht mehr!
"Machbarkeitsstudien, wenn ich das schon höre! Haben die Apostel "Machbarkeitsstudien" von Experten eingeholt, bevor sie sich über eine Missionstrategie unterhalten haben? Haben die Kölner Machbarkeitsstudien vor Baubeginn des ersten Domes eingeholt? Kennen sie solche Dokumente aus Chartre? Da stünde heute noch kein einzelner Stein in der Landschaft! Für Gott und mit Gottes Hilfe und nicht dank Allensbach und Co!
Mal ne Frage: Wo ist neben allen Nutzungsideen eigentlich ihre christliche Vision für diese Stadt, diese Kirche, die Region?"
"Die Strukturen sind nun einmal so, daß wir nur noch wenige hier sind. Die Landeskirche hat ein neues kleineres GEMEINDEZENTRUM außerhalb der Altstadt bauen lassen..."
Nun war mein Blutdruck endlich da, wo er hin wollte!
"Hier stehen bedeutende Werke ungenutzt in der Stadt und draußen werden beheizbare und bequeme Räume geschaffen. Dafür ist Geld da! ...
Die gebaute Vision eines himmlischen Jerusalems wird eingetauscht für die Realität eines bürgerlichen Wohnzimmers in Form eines beheizbaren Gemeindezentrums!
Noch einmal: Wo ist ihre christliche Vision? Wo ist das missionarische Tun in dieser neuheidnischen Stadt? Sie sind doch Christ, getauft, aktiv?"
"Ja,..."
Schweigen.
Sehen sie, wir haben die gleichen Probleme: Wir sind mit Strukturen beschäftigt und leben nicht mit Visionen! Wir brauchen aber Visionen, wenn wir als Christen Zukunft gestalten wollen, ob in Vorpommern, NRW! Wir nehmen eine Grundfunktion von Kirche nicht mehr wahr: Mission!"
Schweigen.
Danach ging man höflich grüßend und mit guten Wünschen auseinander.
Am Ende tat er mir irgendwie ein wenig leid, der Herr Schatzmeister.

Wer sich über das "Zukunftsprojekt" informieren möchte, der schaue hier weiter und nutze auch die angegebenen Links zum FöVe.

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Mann, da hat es aber gekracht. Ich war heute Morgen zum Thema "bürgerliches Christentum" auch sehr emotional, wie mein Chef sagte.

Deus semper major hat gesagt…

Respekt, soviel Mut zu offener Konfrontation haben viel zu wenige - mich eingeschlossen.

Herzlichen Dank!

Acolythus hat gesagt…

Ich bin manchmal leider etwas undiplomatisch und wenig gewinnend in meiner Art, besonders wenn mein Herz so blutet... eine echte Schwäche!
Der arme Kerl hat ne böse Breitseite abbekommen, die uns allen gilt.
Bei aller Ehrfurcht vor diesem Gebäude, der Weihe, dem von Gebeten aufgeheizten heiligen Boden,... wo bleibt die Perspektive für die Zukunft der Kirche als Glaubensgemeinschaft, mit einer eindeutigen Aufgabe, die ganz bestimmt nicht "Neuordnung des pastoralen Raums" heißt!
Ich getraue mich ja kaum es zu sagen, weil die Gefahr, noch mehr in eine radikale Ecke geschoben zu werden, besteht, aber der Gedanke muß erlaubt sein: Meck-VoPo, Neufünfland, gebrauchte Bundesländer, Europa... es ist Missionsland.
Und wer kennt seriöse Konzepte für diese Arbeit von der DBK oder Einzelbistümern im größeren Stil? Ich kenne keines und das macht mich stutzig!
In Frankreich ist meiner Kenntnis nach nur FSPPX ziemlich aktiv.
Das kanns ja wohl nicht sein, oder?