Dienstag, 10. Februar 2009

Mit Benedikt XVI. und Kurt Tucholsky

Sie sind katholisch, ich meine römisch-katholisch?
Sie haben sich in den letzten Tagen in der Öffentlichkeit bewußt auf die Seite des Heiligen Vaters geschlagen?
Sie haben sich mit Starkmuth (ein schönes Wort!) gegen die aufgebrachte Meute der Hetzer und Hetzerinnen (soviel politische Korrektheit erlaube ich mir!) gestemmt?
Hut ab!
Prügel wird man Ihnen vielleicht nicht angedroht haben oder doch?
Es wird aber Konsequenzen haben! Seien Sie sich dessen bewußt!
Im Himmel wird es Ihnen dereinst vergolten werden, so hoffe ich und in Freundeskreis, Familie, Firma und ganz besonders in der Pfarrei ein wenig schneller, so fürchte ich!
Wie im himmlischen Jerusalem das Zeichen des Lammes winkt, droht in der Gemeinde das Kainsmal als sog. "Tradi", "Ultramontanist" oder gar das Stigma des "verkappten Piusbruders" und damit des Schoah-Leugners!
Ist es Ihnen so ergangen, als Sie in flammender Rede Benedikt XVI. gegen alle Verleumdungen verteidigten?

Bei mir brauchte es soviel gar nicht. Es genügte eine Kleinigkeit!
Ich hatte einfach nur in einem kleinen Kreis von sog. "Liberalen" um einen differenzierteren Blick auf die Ereignisse gebeten und etwas mehr Augenmaß bei den Aussagen über den Heiligen Vater. Das war schon zu viel! Eine Person erhob sich Tisch in zutiefst empfundener Empörung. Wie kann man nur in einer Phase solch tiefer Emotionalität nach Fakten fragen?! Überhaupt: Wofür brauchen wir noch Fakten? Wir wissen doch genau, was Papst Ratzinger will!!! Jetzt sei aber endlich Schluß mit "Wir sind Papst!"

In diesem Moment lief in meinem Kopf ein ganz alter Film an, der mich weit zurück in meine Jugend führte. Wir alle kennen diesen Moment, wenn das Gehirn ins Archiv greift. Es dauerte eine Millisekunde, in der die Fragen durch den Kopf zischten:" Woher kenne ich das? Neu ist das aber nicht?" Dann kam der Datensatz aus den Archivordnern und baute sich langsam zu einem Bild auf, so wie bei den hochauflösenden Urlaubsbildern, die man nur "mal eben" zeigen wollte. So ging es mir genau in diesem Moment: Ich nahm keine mir "entgegenempörten" Emotionen mehr auf. Mein Gesicht verriet meine Abwesenheit ebenso offensichtlich, wie die munter drehende Sanduhr bei Windows die Auslastung des Rechners. Meinen Mund umspielte angeblich ein sinisteres Lächeln, das nur noch zu mehr Unmut führte, wie man mir später mitteilte. Dabei betrachtete ich nur mit Verwunderung, was mein Geist für Begriffe erarbeitete:
Reli-Unterricht, Gymnasium, Mittelstufe...
cautio criminalis
Friedrich Spee von Langenfeld
So ähnlich muß wohl eine Hexenjagd funktioniert haben:
Wir wissen es , egal was auch passiert! Das ist ein(e) Hexe(r)!
Beweise? Egal!
Schwimmts oben, ist's a Hex! Scheiterhaufen!
Gehts unter und überlebts, ist's ah a Hex! Scheiterhaufen!
Gehts unter und überlebst net, ist's ah doot!
Keiner bemerkt den Fehler, die Dummheit. Genau wie damals...
Es ist der tödliche Sieg des durchschlagenden Vorurteils und der unbeirrbaren Meinung!

Es könnte aber auch ganz anders sein, kam es mir in den Sinn, denn neben Friedrich Spee von Langenfeld lieferte mir mein Gehirn noch eine andere Person aus der Zeit gratis dazu: den berüchtigten Hexenbürgermeister von Lemgo!
Dieser Bürgermeister Herman Cothman (1629-1683) von Lemgo ist ein Beispiel für die gelunge Beseitigung von Außenseitern, Konkurrenten und Andersdenkenden unter Zuhilfenahme des Hexenprozesses. Im ersten Amtsjahr als Richter hat der sofort richtig zugeschlagen: 37 Hinrichtungen! Es gingen zu dieser Zeit erstaunlich viele reiche und gebildete Männer der Stadt aufs Schafott. Ein Jahr später wurde er Bürgermeister! Wehe dem, der sich da nicht konform zeigte! Da wurde es aber sehr schnell, sehr eng! Rufmord, Tribunal, Schafott. Zack zack! Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, beträgt aber nach vosichtigen Schätzungen weit über 100 Personen.

Oder war es ein Ausbruch der alten Westernjustiz? Erst hängen, dann fragen!
Aber Geschichte wiederholt sich nicht und selbst wenn es ginge, sie müßte es nicht:
Das Pflänzchen Dummheit findet in jeder Generation neue Biotope!
Ich dachte noch: "Komisch, was einem alles wieder einfällt?", als mich die plötzliche Ruhe aus der Trance riss. In der Zwischenzeit hatte die empörte Persönlichkeit den Tisch verlassen.
Ich hätte sie gerne an meinen Gedanken teilhaben lassen.

Wie dem auch sei... Zurück zum Thema Konsequenzen!
Holz sammelt zwar noch keiner, aber das Klima ist deutlich unterkühlt. Es ist Krisis, Zeit der Unterscheidung und der Entscheidung. Es gibt schon einige, die mit mir nicht mehr reden und auch einige Amtsträger zeigen deutliche Zeichen der Verstimmtheit, wenn ich mich nur zeige. Ich muß nichts sagen. Alle wissen ohnehin schon längst, wo ich hingehöre, denn ich bin damals schon nicht mit auf die Barrikaden gestiegen und hatte ihre Tiraden auch in der Vergangenheit nicht beklatscht, nicht nach der Rede in Regensburg, nicht "beim subsistit", nicht nach der "Freigabe der alten Messe" und jetzt schon wieder nicht!!! Ich habe mich abgegrenzt, habe nicht mitgemacht.

Der Rausch verfliegt und manches wird sich beruhigen und der Mantel des Vergessens wird sich über Fehler und Gemeinheiten legen.
Eines wird aber nicht vergessen und verziehen: das NEIN!

Wie schrieb schon Kurt Tucholsky:
"Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein."

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